Abschied I

Leute

Eigentlich war hier nichts anders. Natürlich, die älteren Leute grüßten, genau wie die Kinder. Und wenn man sich Mühe gab, war beinahe jeder grüßbar. An der Schießbude flogen die Scheiben weg, gab es kleine Autos zu gewinnen. Das Softeis floss in die Tüten, in die Münder, auf den heißen Asphalt. Oft stand ich dabei, gelehnt an Schildpfosten und Mauern, gestützt auf Biertischgarnituren und Stehtische, schob mich für ein paar Momente in die Umlaufbahnen, flog ein Stück mit, ehe ich wieder ausschwenkte. Ging ich mit Hut und Bart durch die Gassen, hier und dort grüßend, kam manchmal ein schmales, wissendes Lächeln zum Vorschein, oft genug aber auch ein irritierter Blick. Der Fremde, zumal der grüßende Fremde, fällt auf in Ranis. Man sitzt in der Wirtschaft, man sitzt zu Hause, es wird noch mächtig geraucht. All diese lang andauernden Diskussionen, das Zögern und Zaudern in den großstädtischen Universitäten zerschlug sich hier ganz unmittelbar. Ich kannte das schon, es überraschte mich nicht, hatte ich doch selbst das ein oder andere Mal in Hermsdorf in der Gastwirtschaft gesessen, Stiefel und Schnäpse getrunken. Und hatte mich auch einmal mit Koeppens Tauben im Gras in die Schmiede gesetzt, das war, als Unsere Mütter, unsere Väter erstausgestrahlt wurde, darauf kamen wir, des Buches wegen. Aber ich konnte mich bald nicht mehr darauf konzentrieren – verlor mich in der Leichtigkeit der Sinne, nach dem vierten Bier vermutlich. Das goldene Korn in den Gläsern.

 

Land

Das goldene Korn auf den Feldern. Und noch mehr. Wanderungen durch die rauschenden Wälder, hinab und wieder hinauf. Überall: Ausblicke. Ausfahrten. Unmittelbar in der Kulturlandschaft, in dieser selbst geschaffenen Natur zu sein. Einsamkeit zu finden, ohne längere Suche. Der Geruch der Kamillefelder – würzige, schwere Luft nach dem Regen, am Ende einer langen Trockenheit. Doch fand ich nur noch wenig Trost in der Natur, war es, wenn überhaupt, eine Flucht auf Zeit. Nicht zu vergleichen mit den einsamen Nächten der Jugend unter dem unendlichen, verweinten Sternenhimmel. Ich wollte immer wieder zurück unter Menschen.

 

Ich

Als ich ankam, 120 Tage Aufenthalt vor mir, wogte die Ungewissheit: würde ich in dieser Zeit zu Schreiben schaffen, würden brauchbare Texte entstehen? Stadtschreiber in Ranis zu sein, stellte eine neue Ernsthaftigkeit des Schreibens dar, der ich mich bald völlig verschrieb. Dann, ich hatte von Sergei Tretjakow gehört und Peter Weiss gelesen, reifte eine neue Idee in mir. Durch die Lande zu streifen, überall mit anzupacken und nebenbei die Literatur auszusäen, in die Köpfe. Ich erinnerte mich an die Reportagen, an die Arbeiterliteratur, die ich gelesen hatte. Eine Weile beseelte mich diese Idee, bis sie am Widerstand der Sturköpfe und meiner eigenen, der körperlichen, harten Arbeit entfremdeten Lebensweise, scheiterte. Ich brauchte eine Weile, um mich darauf zu besinnen, dass es mir zunächst gar nicht darum gegangen war, dass ich vor allem schreiben wollte. Ich begriff, dass nichts dagegen sprach, als Stadtschreiber ein Kammerschreiber zu sein, dass die Leute nicht erwarteten, mich draußen zu sehen, es also nicht wirklich erwarteten, nur ganz diffus, in einem gemeinsamen Tenor, wie man eines Lottogewinns harrt, sich über die Politik beschwert oder darauf hofft, dass es ein todkranker Mensch am Ende doch noch schafft, weiterzuleben. Und so fand ich, nach einiger Unruhe und Verzweiflung, in die Gemächlichkeit des Seins, des Schreibens, zurück, brachte alles zu Papier, verwarf auch einiges. – Nun ist alles abgegeben.

Prärie, Kirschen

Vor einem toten Stamm, die brüchigen Äste längst verloren, stehe ich einen Moment in der Prärie. Nur von Trockenheit und Härte umgeben, der benagte Boden, das stechende, streifende Gras. Die Trockenwiese ist nicht gänzlich ohne Gehölz, noch stehen ein paar Kirschbäume, längst aufgegebene Kirschbaumruinen, mit knarzenden Stämmen und raschelnden, braunfleckigen Blättern.

Den Blick nach oben gerichtet, sinnlos Kirschen suchend, streife, taumele ich, werde erst an anderer Stelle fündig, später, finde ein paar wenige, dunkelrote, prall gespannte Früchte, die ich, springend, mit einem langen Stock zu Boden schlage, ernte, auflese, verzehre und deren Kerne ich schließlich mit aller Gewalt ausspucke, mit geformten Lippen in die Böschung schleudere.

 

Sommertag, Gewitter

Am Morgen liegt bereits ein Rauschen in den Bäumen, ist der Himmel überzogen von lichtem wolkenweiß.

In der Höhe stehe ich auf geschorenem Grund, gleich an der Grenze zu einem gelblich verblichenen Rapsfeld. Darin das lichte Blau der Kornblumen, das heute ein Versprechen des Regens ist. Schon liegt das ferne Land verwaschen, mit dunkelblauer Gaze überzogen. Über mir noch Sonne.

Im Gehen: Zwei Ringeltauben brechen aus der Krone einer Esche, altes, totes Gehölz fällt zu Boden. Auf sieben Meter Höhe: Ein Baumpilz, gelb und braun, groß wie ein halber Fußball.

Ein kurzer Regenschauer geht nieder. Danach – die dunkle Wolkendwand steht stumm und hoch, ein Blitz zuckt, noch ohne Grollen. Kaum fliegen mehr Vögel – dafür durchpflügen die Insekten den Luftraum in wildem, aggressiven Taumel; die Grillen zirpen beinahe ununterbrochen.

Reger Verkehr auf der Straße. Wind kommt auf. Es summt in den Transformatoren der hohen Überlandleitung. Das Kamillefeld liegt abgeernet in dunklen Gelbtönen, die Stoppeln und Borsten wirken wie ein Fußabtreter aus Stroh.

Endlich wird die Luft kühler, schweres Grollen rollt über das Land, der Wind bringt Feuchtigkeit mit sich. Später, das Gewitter zieht außen um Ranis herum, hört man nur ab und zu den Donner, regnet es gemächlich auf das ausgetrocknete Land.

Sommer II

In der Nacht dringt Musik aus den (Auto)Fenstern, manchmal macht es „Bumm Bumm Bumm“, beim Einschlafen singt Rio Reiser den Rauch-Haus-Song.

Das Kamillefeld, vor zwei Wochen noch grün, gelb, weiß, liegt braun und dunkelgelb. Die trockenen Pflanzen zerbröseln in den Händen, knistern strohig, geben den Blick frei auf den kargen, steinigen Boden. In der Ferne fährt eine Erntemaschine und wirbelt Staub auf.

Ungemähte Wiesenstücke wuchern in die Höhe, üppig steht das Gras links und rechts der Wege. Der so oft plätschernde Bach ist ausgetrocknet, Steine liegen geschichtet, hart auf hart; der einstmals kühle Grund liegt heiß und stumm.

Der Abendweg ist voller sonnenwarmer Katzen. Auf der Schmiedeterrasse nehmen wir noch ein paar Bier, verscheuchen die Insekten, erinnern unsere Hälse in der aufkommenden Abendfrische mit einem Schmiedefeuer an die Sonnenglut des Tages.

Nach dem Abschied, ein paar Schritte noch – die Häuser atmen gierig durch die weit geöffneten Fenster, Fernseher, Radios, Telefone dudeln, dazwischen Stimmen, Lachen. Die Jugend des Ortes, an der Straßenecke aufgerichtet, sitzend, stehend beieinander, Tuscheln, Lachen, leise Worte – hell scheinen die Displays, lassen die Gesichter erstrahlen.

Ein paar Tage in Berlin

Der Asphalt speit Hitze aus. In Jena noch, stand ich an der Saale und Kühle kam vom Wasser her. Hier in der Stadt sind es nur die Malls, die Shops, die Stores, die Kälte spenden.

Er sitzt an der Theke, ein Pils in der Hand. Schaut nach draußen, ein blondes Mädchen parkt ihren Smart. Sie ist also alt genug, mit ihre wäre etwas anzufangen. „Back again“, hatte er gerufen, die Runde der Männer hatte gelacht. „War mal auf Spedition jewesen.“

Vielleicht in der Mall zu leben. „Ick hab ja enkoofen jelernt und jetz hab ick keene Kohle, um dit jelernte umzusetzen.“ Ich trete aus der Sonne heraus in die Schattenflur eines Gebäudes. Die Linden werfen ihre Propeller ab. Der Wochenmarkt, heißt nicht Flohmarkt oder Trödelmarkt oder Spittelmarkt oder Tandmarkt. Warum nicht?

Er geht nach Hause. Bier hat er getrunken. Die Steine sind noch warm. „Hello again“, summt er vor sich hin. Die Stadt dünstet am Abend aus. Schweiß, Urin, Parföng. Ein Hund bellt dazwischen.

Freitag: Büchertag

Das Geschenk, des Freundes, des Nein-Sagers, im Briefbeutel an der Tür. Das Holzschiff von Hans Henny Jahnn. Es klingt vom Text der Klappe her sehr nach meinem Empfinden und meinem Interesse. Ich trage es begeistert in die Wohnung.

Kurz nach Mittag fahre ich noch Krölpa – eine angenehme Strecke so am Wald entlang, hoch erheben sich die trotzigen Felsen. Achtung Steinschlag liest man allerorten. In Krölpa dann ins Antiquariat, ein nettes Gespräch mit Frau Seidemann, ich gehe die Regale ab – es ist vieles dabei. Aber alles kann, will ich nicht kaufen. Das Geld, das Gewicht; das schlechte Gewissen ohnehin nicht jedes Buch lesen zu können. Traven packe ich mir ein, Franzen, Hamsun.

Später erklimme ich den Berg zurück nach Ranis, halte an und sehe über das reifende Korn zum Horizont, die Zahl der Ausblicke ist hier phänomenal und beinahe schon eklatant. Ständig will ich „Oh“ und „Ach“ rufen und präge mir die Stellen ein, um sie bei Gelegenheit zu zeigen, meine Begeisterung zu teilen. Ein paar junge Ziegen meckern hell auf ihrer Wiese.

Mittwoch

Wieder am Roons-Stein. (Für alle, die sich noch nichts darunter vorstellen können: Eine Stele aus hellem Sandstein, eine Steinbank umlaufend, ein Gedicht „Roons = Ranis“ von Erich Seidel auf den vier Seiten eingraviert.) Ein wunderbarer Ort. Oberhalb der Stadt, im Dreieck von Dorfstraßen gelegen, ein großer und ein kleiner Baum spenden Schatten, bietet sich dem Sitzenden ein weiter Blick in die Landschaft. Vögel, Autos und Traktoren lockern die Szenerie auf, Hundegebell und das Blöken der Schafe schallen herüber. Ich sehe den roten Traktor, der schon gestern vorüberfuhr, abgestellt auf einer Wiese. Später kommt Uli, dem der Traktor gehört und den ich im Winter Frühjahr in der Schmiede kennengelernt habe. Er zeigt mir die Ballenpresse für das Heu – ein Teil ist abgeflogen und daher funktioniert sie gerade nicht. Bis das Ersatzteil kommt, ist nichts zu machen. Wir sprechen noch einen Moment (schon die Idee des Gesamtkomplexes Heumachen ist nur sehr vage in meinem Kopf vorhanden), aber da es auf der Wiese ohne Presse nichts zu tun gibt, fährt Uli mit dem Traktor nach Hause und ich setze meine Runde fort, schwitze und denke an Sergei Tretjakow.

Und hier auf Wikimedia gibt es tatsächlich eine Ansicht des Roons-Steins.

Zurück, Sommer

Der erste Tag zurück – Lesung, Besuch – und alles in der Hitze. Die blinkenden Gewässer locken und können nicht das Phlegma, Schweiß in Staub gebunden, überwinden. Ein kühles Bier und noch eins und noch eins. Oben am Roons-Stein, im Licht der Abendsonne, in leichtem Wind, sitzen und erzählen wir; sehen den Fahrzeugen, Landfahrzeugen, Kastenwägen, PKWs nach, atmen die warme, volle Luft. Bis in die Nacht geht das so, bis Gause und ich an der Brüstung lehnen, hinab ins diesige Tal schauen und Lärm aus allen Fenstern rauscht, ein großes Ganzes ist das, aus Lachen, Reden, Gläserklang, Fernsehgejohle und rauschenden Toilettenspülungen.

Zwischen all dem zur Ruhe kommen und am nächsten Morgen alle kühnen Pläne verwerfen, am weit geöffneten Fenster die erste und letzte frische Brise des Tages.