Literaturtage 4

Sonntag, Abschluss der Literaturtage. Nach der eigenen Lesung und zwei kleinen Flaschen Bier haste ich die Treppe zur Stadtkirche hinab. Ich will zum literarischen Gottesdienst, mir auch die Kirche anschauen, die im Winter geschlossen war.

Eine junge Frau wartet, zwei unversehrte Zigaretten im Mund, ein Kätzchen auf dem Arm, unterm Torbogen. Ich sage „Hallo“, und sie grüßt zurück, freundlich, aber freilich nur mit leicht geöffneten Lippen.

Später sitze ich zu Hause und die erste Erschöpfung bricht über mich herein. Ich gehe nochmal zur Burg hinauf, das Softeis ist flüssiger als sonst, das Gerät kann die Nachfrage der Sonntagsausflügler, inzwischen ist das Wetter wieder schöner, wahrscheinlich kaum bewältigen. Ich schaffe es trotzdem, Hemd, Hose und Jackett unbefleckt, nach oben. Da sitze ich noch ein wenig, schaue den Wolken nach.

Ich sitze allein und in der Dunkelheit flimmert der Fernseher. Müdigkeit dringt von überall her hinein. Die Worte werden sinnlos.

Literaturtage 3

Am Morgen Gespräch über die Bedingungen von Kultur auf dem Land (oder in der Provinz (positiv konnotiert)). Durchaus interessant und in einigen Akzenten für meine Stadtschreiberei erhellend.

Zwischendurch muss ich dem Programm eine kurze Auszeit abdingen – Weltlichkeit erobert sich mit voller Wucht den Raum: Einkäufe, Aufräumen. In der Pendelei zwischen Burg und Wohnung bleibt manches auf der Strecke. Auf der Fahrt nach Pößneck Lichthupe vom Gegenverkehr mit Heuhänger – und ich bin wieder begeistert, ob des verschwörerischen Elements. Wir sind doch alle Kumpel, der Staatsmacht gegenüber. Noch am Donnerstag hat mir Hubert von den lasernden Polizisten erzählt, den Berg hinab, wo man in den Ort hineindonnern kann, so schön. Aber heute nicht! Gewarnt und vorbereitet rolle ich vorbei und gleich wendet sich der Beamte enttäuscht von seinem Gerät ab.

Dann die Lesung von Uwe Kolbe. Es bleibt im Kern dabei: Furor und Begeisterung. Auch er zeigt sich dann und wann als „Widerborst“, wie es Henscheid nannte. Kolbe ist Lyrik und Lyrik widerspricht den Regeln des Marktes – vieles von dem, was er getan hat, würde er niemandem empfehlen. Zu früh freier Schriftsteller zu werden zum Beispiel. Aber wie das so ist, wenn es einer etwas tut, warum sollte dann nicht ein anderer das Gleiche wagen? Wie im Gespräch nochmal verdeutlicht wird, sind die Gedichte vor allem entlang des sprachlichen Rhythmus gearbeitet. Ich finde (und ich kann nur finden) sie zeitweise kühl, zurückgenommen, abstrakt, voller Verweise und Sentenzen und schwanke dabei zwischen Interesse und Abschweifung hoch in den Himmel zum Schrei des Falken.

Dann noch Wortklang – Lyrik im Konzert. Nora Bossong, Tom Schulz und Mirko Bonné. Variationen von Matthias von Hintzenstern auf dem Violencello. Sehr interessant, sehr angenehm. Drei Dichterinnen, das bedeutet Abwechslung. Bonné gefällt mir ausnehmend gut mit seinem trockenen Humor, den heißen und kalten Texten. Schulz liefert “Lyrikfragmente”, teilweise gebrochen durch Atempausen und Betonungen, nicht uninteressant. Am wenigsten komme ich in Nora Bossongs Gedichte hinein, zumal sie beinahe jedem Text eine Erklärung voranstellt, also erläutert, worum es im Gedicht geht, wie man es verstehen kann (und vielleicht sollte?). Mir ist das zu viel Ballast, da gibt jemand seine Texte nicht aus der Hand, verlässt sich nicht auf ihre Wirkung. So kam es mir jedenfalls vor.

Zu Willemsen bleibe ich nicht – die Burg ist ohnehin voll. Ich muss noch meine Texte für die Lesung am nächsten Morgen vorbereiten. Erst später, nach getaner Arbeit, genehmige ich mir ein Bier beim Sonnwendfeuer auf dem Preißnitzberg. „Der Stadtschreiber“, raunt es hier und da, aber ich sehe die Riege der Lyriker aus dem Lyrikkolleg mit Uwe Kolbe und setze mich dazu. Viele Gespräche, viel Literatur, Werdegang, Bücher. Betrieb. Aber auch Momente des anderen Lebens dazwischen – nicht zuletzt, dem freundlichen, eindringlichen Wesen des Ranisers geschuldet.

Literaturtage 2

In einer Runde aus Studenten, Studentinnen und Interessierten spricht Uwe Kolbe über den Essay – Emphase, Verve, Furor machen seine Art zu sprechen aus und dies fordert er auch für das Schreiben ein; stets müsse es einen Grund geben zu schreiben und nicht nur einen Anlass. Als Autodidakt setzt er sich für das Prinzip des tätigen Lernens ein: „Schreiben, schreiben, schreiben!”, sagt er mehrmals. Kolbe ist entschlossen, er ist entschieden, er begeistert sich enorm für Sentenzen von Heinrich Mann oder Rainer Maria Rilke und ich nehme an, er würde andere Dinge auch so ebenso stark ablehnen, aber einen Gegenwind gibt es im Gespräch kaum, denn darum geht es in diesem Veranstaltungsformat ja auch nicht. Ich selbst denke vieles, was Kolbe sagt, gerne mit, ich goutiere auch einiges – bin sehr einverstanden mit dem „Vergessen-Können“ von Dingen und ihrem späteren Wiederaufscheinen, dass erst ihre Aufnahme ins eigene Werk erlaubt.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in der Entschlossenheit und Begeisterung der Zweifel etwas untergeht. Gerade Zaudern und Zögern, die Unentschlossenheit gegenüber der Qualität des eigenen Werks, treibt auch voran zur eigenen Verbesserung, zur stetigen Weiterentwicklung. Ich genieße den Zweifel nicht, aber er gehört für mich zum Schreiben mindestens so, wie Begeisterung und Furor.

Am Abend Poetry-Slam im Winkel hinter der Schmiede. Die Bänke biegen sich unter den vielen Zuhörern (ich bin erstaunt, wie gefühlt aktuell der Poetry Slam bei den Menschen hier ist) – der Abend erfüllt was er verspricht, er unterhält (routiniert, souverän, einstudiert, gelegentlich durchaus witzig). Ein Event – eine Art literarischer Wanderzirkus. Ja, warum nicht.

Literaturtage 1

Am Abend Eröffnung mit Grußworten und Ausstellung: Heft-Einbände des Palmbaum-Magazins seit 2005. Der Vergleich der Andrucke und ihrer original-grafischen Vorlagen zeigt, an welcher Stelle Verluste auftreten, wo Farben ausdünnen oder verblassen und natürlich auch, wie sehr das Hinzukommen der Schrift den Blick auf die Grafik verändert. Chefredakteur Jens-Fietje Dwars moderiert, dazwischen lesen Nancy Hünger, Daniela Danz und Christian Rosenau. Vielleicht durch meine Stadtschreiberstelle sensibilisiert, höre ich viel über Wald, Wiese, Dörfer und Felder heraus und fühle mich dabei, wenn nicht gerade Donner an den Mauern der Burg entlang und in mein Hirn rollt, in die Lyriklandschaften eingebettet.

Später liest Eckhard Henscheid aus Denkwürdigkeiten. Es geht eine Stunde stetig voran, auch wenn die Lesung in viele Erzählungen und Anekdoten ausfasert, der Text zumeist hinter den Autor zurücktritt. Henscheid zählt die Spieler diverser Meister- und sonstiger historisch bedeutsamer Mannschaften auf, er spricht über das Verfassen von Kritiken ohne den Besuch der Veranstaltungen; er stellt eigene, seiner Meinung nach misslungene, Romananfänge vor. Denn nicht zuletzt, sagt Henscheid, sieht er sich vor allem als Romancier und analysiert so seine eigenen Versuche, die alle irgendwie „voller Fehler sind“, aber doch das Zeug zu großer Literatur haben und hätten, würde man sie nur überarbeiten und weiterschreiben. Man merkt, dass Henscheid zufrieden mit seinem Wirken und Schreiben ist, man bekommt den Hauch einer Idee, wie er sich diese Stellung erarbeitet hat und warum er es gut findet, dass ihn ein Kritiker „Widerborst“ nennt. Für ein wirkliches Eintauchen in das Universum Henscheid ist eine solche Lesung natürlich zu kurz – und so kommen vor allem Fans und Eingeweihte auf ihre Kosten; alle anderen können sich auf dem Weg der Literatur weiter an Henscheid heranarbeiten, so sie es denn wollen.

Nach der Lesung oben auf der Burg peitschen Wind und Regen Menschen und Schirme. Im nahen Wald schlägt krachend ein Blitz ein. Es folgt: Ein Gang, ein Ausklanggang, in die Schmiede zu Hubert. Bei kühlem Bier gibt es noch einige Gespräche und mancher lauscht auf den rauschenden Regen, den rollenden Donner, der vor einigen Jahrzehnten noch der letzte Bus hätte gewesen sein können, der die Männer aus dem Stahlwerk in die Schmiede brachte, um dort anzutrinken, gegen die vorrückende Uhr, gegen die Müdigkeit des Wirtes.