Ausfahrt IV

Den Berg hinab, am Wisentgehege vorbei und wieder hinauf – ich schiebe natürlich, die Kette ist lose und rutscht bei jedem stärkeren Tretwiderstand. Ich rolle über den Ackerpfad, die Reifen sind zum Glück breit genug, drängen die größeren Steine, das lose Geröll beiseite. Das Korn steht weit, es rauscht in den Bäumen.

Kurz vor Pößneck drosselt ein Tempo-30 Schild mein wildes Fahrtspiel. Gleich danach folgt ein Stück sandiger Straße – gleich ist mir das Terrain vertraut, erinnere ich mich an meine Zeit als Testfahrer in New Mexico.

Am oberen Friedhof vorbei zu Kaufland, darüber ist nicht viel zu sagen; auf dem Rückweg uriniert ein Holzländer im Schutz des PKW an die Friedhofsmauer, es geht die steinige Ackerspur hinauf, ich schiebe, sehe die grünen Hügel, die Bäumchen darauf. Mögen es Zypressen sein, der Baldachin darüber wirkt samtblau, doch gleich neben diesem mediterranen Hain grollt und tuckert es – ein roter Traktor zieht einen Anhänger, vielleicht ein Silo- oder ein Tankwagen, ich kenne den Begriff nicht, ins Tal.

In Ranis angekommen: Pommes, Schnitzel und ein kleines Rosenpils in der überdachten Sitzgruppe, der Jägerschenke (wieder bin ich mir der Terminologie nicht sicher) des Imbiss.

Ja, ein Imbiss in Ranis! Nun bin ich schon eine Weile hier, war auch vorher manches Mal da, aber nie habe ich um den Imbiss gewusst. Es gibt auch kein Schild und der Parkplatz hinter dem Burgcafé ist für den wandernden Schreiber kein Ereignis. Nun werde ich dort, in dieser schönen Ecke, also das ein oder andere Bier, manchmal eine Knacker oder auch ein Brätel zu mir nehmen, wenn die heimische Küche kalt bleiben soll.

Ausfahrt II

Samstag, 23. März

Beim Aufwachen drang helles Licht unter dem Rollo hindurch – gemeinhin ein Zeichen für gutes Wetter. Ich erhob mich schwerfällig, am Morgen hatte ein Hund gekläfft; gekläfft, denn bellen konnte er, wahrscheinlich seiner Größe wegen, nicht und ich hatte mich zum Weiterschlafen nocheinmal umdrehen müssen. Ich hatte schon eine Weile an eine weitere Ausfahrt mit dem Rad gedacht und war nun dazu, am Fenster bei der Heizung stehend, bereit. Vor der Tür ging ein erstes kaltes Lüftchen, ein reger Wind, aber ich schüttelte über meine leisen Zweifel nur den Kopf – fuhr man nicht schon seit Menschengedenken Rad, hatte sich je ein Schiff von einer steifen Brise an der Hafenausfahrt hindern lassen? Ich schwang mich auf, rollte die Straße hinab und fuhr dann hinauf in Richtung Heroldshof. Eine lange, stetig leicht ansteigende Gerade unterschätzte ich völlig, mein Sattel, immer noch zu tief eingestellt, trug das Übrige dazu bei, dass ich kurz vor dem Ortsschild am Straßenrand beinahe kollabierte und schwer keuchend, die Aussicht mitnehmend, auf dem Lenker hing. Um keinen endgültigen Kollaps zu erleiden, beschloss ich, die Ausfahrt in Richtung Stausee vorerst zu unterlassen und ließ mich, der Ablenkung wegen, in Richtung Ranis zurückrollen. Nach ein paar Metern erfasste mich der eisige Wind in voller Wucht, er fuhr direkt durch die Maschen meine Mütze hindurch. Ich versuchte die Kapuze aufzusetzen, der gierige Boreas riss sie mir sofort wieder vom Kopf – so fuhr ich, die Kapuze mit der Hand festhaltend, in schmalen Schlangenlinien zurück. An der ersten Kreuzung, beim Stein mit dem Roons-Gedicht, knüpfte ich die Kapuze zu, stellte den Sattel höher und schnaubte kräftig in ein Taschentuch. Ich schwang mich wieder auf – jetzt ging es schon besser. Zweihundert Meter weiter hielt ich und schraubte den Sattel noch ein wenig hinauf. Auch begann ich endlich die Schaltung zu nutzen, ein in Berlin beinahe ungenutztes Bauteil am Rad.

Ich fuhr durch Ranis hindurch auf die Landstraße Richtung Wernburg. Die ganze Zeit über hatte mich der Wind schon fest im Griff gehabt, ich hörte nichts anderes mehr als sein Fauchen, die ganze Stirn schien mir vereist. Zwischen Ranis und Wernburg erfasste mich dann aber eine noch steifere Brise, riss an meinen Sachen und warf sich gegen mich, auf dem Weg in eine Senke, ich ließ mich rollen, kam ich beinahe zum Stehen, so stark war der Wind. Ich vermutete gleich, das sich Joseph Kittinger so gefühlt haben musste, als er damals, 1960, von der Stratos- in die Troposphäre eintrat, also vom luftleeren Raum kommend auf einmal vom Windwiderstand hart angepackt wurde. Den Heroismus dieses Gedankens aufgreifend gab ich meinem Rad die Sporen, trat ich in die Pedale, hielt nur kurz in Wernburg, wiederum um meine Nase zu putzen, und fuhr dann weiter gen Pößneck. Ich rollte vor Kaufland ein, ich besorgte mir ein Schloss, ich tat was getan werden musste. Nach dem Einkaufen trat ich vor den Markt, die Titanenhaftigkeit meiner Leistung, die brachiale, enorme Fahrt von Ranis nach Pößneck hob sich deutlich gegen das Profane des Parkplatzes ab – Leute holten Geld, sie aßen Wurst, sie standen herum. Im Fahrradständer aber ruhten nun die Trekkingräder, schmutzig und gebraucht, gegerbt von der Witterung, schwer beladen mit Transporttaschen. Gegen diese harten Hunde, gegen diese Allwetterfahrer, diese Kulis und Transportwerktätigen war ich nur ein Bohemian auf einer Samstagsausfahrt, der sich eben noch ein Puddingteilchen im Bäcker gekauft hatte.

Überhaupt zehrte die Rückfahrt meine letzten Kräfte auf, kurz nach dem Ortsausgang Pößneck, Steigungen lagen hinter mir, spürte ich zum ersten Mal Wärme im ganzen Körper und später auch die brennenden Beine, die Feuchtigkeit in Mütze und Handschuhen. Mit letzten, schweren Tritten erklomm ich den kleinen Hügel zum Parkplatz bei Ludwigshof und Papilio, auf der Straße weiter unten bedrängten sich zwei Fahrzeuge, hupten sich gegenseitig an, versuchten und verhinderten ein Überholmanöver. Hier blitzte sie auf für einen Moment: die Leichtigkeit, die Arroganz der Fortbewegung. Die Kraft, von einem Fußdruck kommend, muss einen, auf lange Sicht gesehen, wahnsinnig machen und gierig nach mehr Geschwindigkeit, nach größeren Auspüffen, nach höheren Dezibelzahlen – ganz allgemein nach einem alles übertönenden Röhren. Ich hingegen rollte, jede Körperspannung verlierend, dann und wann die Beine baumeln lassend, über klappernde Gehwegplatten. Das nahe Bellen eines Hundes, die drohende Verfolgung, speichelspritzende Lefzen – all das konnte mir schon nicht mehr zusetzen, mich nicht mehr beschleunigen.

Als letzte Tat stemmte ich mit schwindenen Kräften das Rad und trug es, die Höhen der Stadtschreiberwohnung erklimmend, hinauf, wohl wissend, dass ich es immer und immer wieder tun, ja zu tun gezwungen sein würde.

 

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)
Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Besuch, Lesung

Ein paar Zeilen am Morgen, dann Kaffee und Ausfahrt, den Kollegen Gause abzuholen. Eine Wurst bei Kaufland, Knacker für den Abend, Berner Würstchen für den Morgen, deren Geruch trotz eiliger Lüftung noch den ganzen Tag in der guten Stube hängt, die Berner Würstchen, „die es manchmal auch kleiner gibt, in der Werbung“, wie uns die Verkäuferin wissen lässt – “aber es ist ja keine Werbung und daher gibt es auch keine kleinen Würstchen”. Am Abend liest Moritz von Uslar Deutschboden auf der Burg – er trägt mit einer angenehm rollenden Stimme vor und auch der Inhalt seiner Reportage, die mehr sein will als eine Reportage, löst angeregte Diskussionen aus. Danach in der Schmiede, das Schreibervolk fällt ein, die Karten klatschen (Schinkel), Telefone klingeln, wir essen, wir reden noch, wir verpassen die 13 und müssen nach Hause laufen. Wenn am nächsten Morgen nicht Gabi unserer harren würde, in der Küche, wir wüssten nicht weiter. Aber so gibt es Kaffee und alles drumherum und dann retten wir uns träge über den Tag hinweg, wollen ausgehen, bleiben kleben an Sesseln und Stühlen, trinken wieder Kaffee, versuchen in Fahrt zu kommen beim Schreiben, ich in der Stube, Gause in der Küche, ich über diesen Zeilen, er über der anspruchsvollen Form – Kriminalsonette, wenn ich nicht irre.

Am späten Nachmittag kippe ich endgültig vornüber, lande auf dem wunderbar wandelbaren Sofa (mit bequemer Schlaffläche) und als ich die Augen endlich wieder auftue, ist es zu spät für die Feuerwehr (ich wollte eigentlich zur Hauptversammlung). Gause liest und schreibt noch immer, ich blicke aus dem Fenster, der Nebel hängt dicht. Danach essen wir zu Abend und später noch ein Stückchen Schokolade und ein Gläschen Schnaps auf der Sofagarnitur, danach lastet schon wieder die bleierne Müdigkeit auf mir – es geht früh ins Bett.

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Pössneck, Besorgungen

Noch vor dem Amt: Der Schneeschieber. Es schneit wieder. Ich bin relativ früh auf den Beinen, Kaffee, Müsli, dann ein Buch. Später gehe ich nach unten, ich überlege im Ort einzukaufen, habe aber nur noch einen 50-Euro-Schein. Und auch wenn ich schon gesehen habe, dass durchaus mit 50-Euro-Scheinen bezahlt wird, so ist mir der Gram in kleinen Geschäften noch gegenwärtig, kenne ich es selber noch aus meiner Zeit als Kassierer, dass man ungern Kleingeld herausgibt, man die ganze Zeit versucht sich eine solide Basis an Kleingeld und kleinen Scheinen aufzubauen. Und daher ist kaum verwunderlich, dass man sich grämt, wenn da einfach jemand kommt und alles kaputt macht – das über Stunden zusammengefragte Kleingeld einfach mitnimmt und einem nur den im Tagesgeschäft beinahe nutzlosen 50-Euro-Schein lässt. Ich fege das Auto ab, ich kratze die Scheiben frei und entschließe mich dann, doch nach Pössneck zu fahren, wo im Kaufland genügend Kleingeld vorhanden sein sollte.

Schon auf dem Parkplatz wird ersichtlich, dass es ein großes Gematsche geben wird in den nächsten Tagen, der Schnee liegt nass und schwer, Pfützen und Matsch überall. Ich finde einen Einkaufswagen, in dem jemand seinen Euro vergessen hat. Ein Glücksfall, denn ich habe selber keinen mehr. Im Kaufland geht es ruhig zu, der Bereich wo sich Bäcker und Fleischer ihre Sitzplätze teilen, ist gut mit Handwerkern und Senioren gefüllt. An der Kasse werde ich, nun schon zum zweiten Mal seit Freitag, mit einer Vielzahl standardisierter Sätze im Kassiervorgang konfrontiert. Das habe ich so auch noch nicht erlebt: Während die Kassiererin die Waren über den Scanner zieht, fragt sie, ob ich alles gefunden habe, ob ich den Kassenbeleg wolle, dass ich die Glühbirne zurückbringen solle, wenn sie nicht passt und am Freitag sprach mich eine andere im Angesicht meiner EC-Karte mit „Herr Wöllecke“ an. Mich beschämt so etwas immer, es ist unangenehm formell, ich fühle mich dann immer gleich so, als würde ich einen Pelzmantel kaufen oder beim Arzt sein.

Auf dem Parkplatz verstaue ich meine Sachen, dabei eilt ein rotgesichtiger Mann in einer braunen, etwas kurzen, etwas engen Wildlederjacke mit einem schwarzen Koffer in der Hand an mir vorbei, sein Schnauzbart sitzt unter der Nase: Ja, so stelle ich mir einen hiesigen Vertreter vor! Ich hingegen eile, vom Duft gelockt zum Rosterstand und kaufe mir eine Rostbratwurst. Das ist ein angenehmes Gefühl, die Wurst in der Hand, den Bornsenf darauf, durch den Schnee zu stapfen – ich muss noch Geld holen. Ich gehe über eine kleine Brücke, am schneebedeckten Hang des kleinen Baches balancieren die Enten. An der Kreuzung sehe ich einen Wegweiser zur Altstadt und zum weißen Turm. „Ja“, sage ich mir, „gib es zu. Du hast bisher immer gedacht, der Kaufland wäre die Altstadt von Pößneck.“ Ich schiebe mich weiter durch den Matsch und beschließe den Altstadtausflug auf einen trockneren Tag zu verschieben, hole Geld (kleine Scheine) und fahre zurück nach Ranis.

An diesem Tag höre ich zum ersten Mal die Sirene der freiwilligen Feuerwehr, drei Mal, ich beschließe, meine Position mit Blick auf die Feuerwache ausnutzend, das Fenster aufzumachen und hinauszuschauen. Erst denke ich, dass dies stumpfer Voyeurismus ist, aber die anderen Fenster gehen auch auf und bald schon ist ein kleiner Schwatz im Gange. Ein paar Autos rauschen heran, ein Handwerkerfahrzeug, die Mitarbeiter vom Bauhof Ranis. Eine junge Frau mit mächtig rot gefärbtem Haar hat trotz Sirene, um Geld bei der benachbarten Sparkasse zu holen, ihr Auto vor die Feuerwehrausfahrt gestellt. Die Männer in den Fenstern lachen fassungslos. Die junge Frau kommt wieder heraus, einer hupt sie an, sie beschwert sich. Dann endlich fährt der Einsatzwagen mit Blaulicht und Sirene die Pößnecker Straße hinunter, wohin werde ich sicher erfahren, ich meine den Schmiedewirt Hubert im Tor der Feuerwehr ausgemacht zu haben.