Leistungshüten

Ein verspäteter Nachtrag.

Die sonnengebräunten Hüter der Weide treiben die Tiere über einen Parcours. Die Herde läuft geschlossen, die Tiere stoßen aneinander, laufen ineinander, mit lang hängenden Zungen wetzen die Hunde außen herum. Auf dem staubigen Feldweg am Rand der Wiese stehen Menschen: Schäfer und andere – den Blick auf das Geschehen geheftet. Oft wandern die Worte aber hinaus über das Hier&Jetzt des Leistungshütens; wird geschimpft, wie überall geschimpft wird, die Zudringlichkeiten der neuen Zeit diskutierend. Überhaupt hat alles einen Hang zur Bewahrung, von akuten Veränderungen bedroht. In der Zeitung steht: Es gibt nicht genug Nachwuchs für den Schäferberuf. (So wie überhaupt für die Landwirtschaft.) Vor Ort werden alte Hunderassen, alte Schafsrassen vorgestellt. Der Schäfer ist mit seinen Tieren Pfleger der Kulturlandschaft: ohne die Tiere verschwinden die Orchideen, die Wiesen versteppen, der Wald kehrt zurück.

Ich teile diese Gedanken: es gibt hier bei uns keine Natur mehr im Wortsinn der Ursprünglichkeit, die Welt ist von uns geprägt. Sie sich selbst zu überlassen, ein Zurück also, gäbe es nur, wenn der Mensch von der Erde verschwände. Natürlich: Die bunten, glänzenden Blätter erzählen es uns anders (und suchen Käufer). Sie versprechen den Duft des Holzofenbrotes, sie schwärmen von großen, wohlriechenden, üppigen Blüten, vom Geschmack des eigenen Gemüses, den Verheißungen provenzalischer Landhausküche. Es ist ein Versprechen des erfüllten, ganzheitlichen Wirkens: Der Sinn in der Tat.

 

Spaziergang, Hunde

Am Mittag im Radio: Ein Bericht, über ein Sensibilisierungstraining in der Schule. Kinder kommen mit Hunden in Berührung, sie streicheln und füttern. Ängstliche Kinder, Kinder mit schlechten Hundeerfahrungen sollen hier ihre Angst ablegen. Sie halten den großen Reifen und die mutigeren Kinder, die Kinder ohne schlechte Hundeerfahrungen locken den Hund hindurch. Wer nicht will, der muss nicht.

Am Nachmittag in Ranis: Ich gehe eine Runde in neue Straßen, fotografiere wieder die Burg. Ich gehe über den Friedhof, gehe über den Plattenweg. Ein paar Leute sind unterwegs, viele führen ihre Hunde aus, wie die Leute es überall machen. (Bloß hier zumeist mit Leine, ein in Berlin inzwischen selten gewordener Anblick.) Am Einkaufsmarkt, an diesem Pavillongebilde, stehen ein paar Menschen, hinten auf einer Laderampe zwei rauchende Jugendliche mit weiten Jeans und großen Schildmützen. Sie stehen wie alle Jugendliche etwas geschützt und trotzdem sichtbar genug – sie werfen mir die gleichen unnahbaren Blicke zu wie jedem auf der Straße. Ein Mädchen kommt mir entgegen, die Handtasche in der Armbeuge, das Handy in der Hand, durchaus sichtbar geschminkt. Sie hat die gleiche Divenhaftigkeit aller Tage, dazu aber ein widerborstiges, ich würde fast sagen rotziges Element, so wie sie an der Zigarette zieht und dann mit weit geöffnetem Mund, geräuschvoll Kaugummi kauend den Rauch ausstößt. Zumindest erinnert sie mich an Mädchen meiner Schulzeit.

Am Ende meines Ganges, beinahe wieder angekommen, sind auf der Ecke zwei ältere Frauen, ein Kind in einem sehr pinken Schneeanzug und ein etwa genauso großer Hund. Kind und Hund Kopf an Kopf, das Kind wendet sich furchtsam ab, die Frauen beschwichtigen. „Du musst doch keine Angst haben, guck mal hier“, und schon werden, sanft und gefühlvoll Hunde- und Kinderkopf aneinandergedrückt, schnupperte die „gute alte Bella“ vorsichtig an den roten Wangen des Kindes, ist die Zusammenführung von Kind und Hund beinahe ein Naturvorgang und die Pädagogik der Großstadt vergessen.