Pössneck, Besorgungen

Noch vor dem Amt: Der Schneeschieber. Es schneit wieder. Ich bin relativ früh auf den Beinen, Kaffee, Müsli, dann ein Buch. Später gehe ich nach unten, ich überlege im Ort einzukaufen, habe aber nur noch einen 50-Euro-Schein. Und auch wenn ich schon gesehen habe, dass durchaus mit 50-Euro-Scheinen bezahlt wird, so ist mir der Gram in kleinen Geschäften noch gegenwärtig, kenne ich es selber noch aus meiner Zeit als Kassierer, dass man ungern Kleingeld herausgibt, man die ganze Zeit versucht sich eine solide Basis an Kleingeld und kleinen Scheinen aufzubauen. Und daher ist kaum verwunderlich, dass man sich grämt, wenn da einfach jemand kommt und alles kaputt macht – das über Stunden zusammengefragte Kleingeld einfach mitnimmt und einem nur den im Tagesgeschäft beinahe nutzlosen 50-Euro-Schein lässt. Ich fege das Auto ab, ich kratze die Scheiben frei und entschließe mich dann, doch nach Pössneck zu fahren, wo im Kaufland genügend Kleingeld vorhanden sein sollte.

Schon auf dem Parkplatz wird ersichtlich, dass es ein großes Gematsche geben wird in den nächsten Tagen, der Schnee liegt nass und schwer, Pfützen und Matsch überall. Ich finde einen Einkaufswagen, in dem jemand seinen Euro vergessen hat. Ein Glücksfall, denn ich habe selber keinen mehr. Im Kaufland geht es ruhig zu, der Bereich wo sich Bäcker und Fleischer ihre Sitzplätze teilen, ist gut mit Handwerkern und Senioren gefüllt. An der Kasse werde ich, nun schon zum zweiten Mal seit Freitag, mit einer Vielzahl standardisierter Sätze im Kassiervorgang konfrontiert. Das habe ich so auch noch nicht erlebt: Während die Kassiererin die Waren über den Scanner zieht, fragt sie, ob ich alles gefunden habe, ob ich den Kassenbeleg wolle, dass ich die Glühbirne zurückbringen solle, wenn sie nicht passt und am Freitag sprach mich eine andere im Angesicht meiner EC-Karte mit „Herr Wöllecke“ an. Mich beschämt so etwas immer, es ist unangenehm formell, ich fühle mich dann immer gleich so, als würde ich einen Pelzmantel kaufen oder beim Arzt sein.

Auf dem Parkplatz verstaue ich meine Sachen, dabei eilt ein rotgesichtiger Mann in einer braunen, etwas kurzen, etwas engen Wildlederjacke mit einem schwarzen Koffer in der Hand an mir vorbei, sein Schnauzbart sitzt unter der Nase: Ja, so stelle ich mir einen hiesigen Vertreter vor! Ich hingegen eile, vom Duft gelockt zum Rosterstand und kaufe mir eine Rostbratwurst. Das ist ein angenehmes Gefühl, die Wurst in der Hand, den Bornsenf darauf, durch den Schnee zu stapfen – ich muss noch Geld holen. Ich gehe über eine kleine Brücke, am schneebedeckten Hang des kleinen Baches balancieren die Enten. An der Kreuzung sehe ich einen Wegweiser zur Altstadt und zum weißen Turm. „Ja“, sage ich mir, „gib es zu. Du hast bisher immer gedacht, der Kaufland wäre die Altstadt von Pößneck.“ Ich schiebe mich weiter durch den Matsch und beschließe den Altstadtausflug auf einen trockneren Tag zu verschieben, hole Geld (kleine Scheine) und fahre zurück nach Ranis.

An diesem Tag höre ich zum ersten Mal die Sirene der freiwilligen Feuerwehr, drei Mal, ich beschließe, meine Position mit Blick auf die Feuerwache ausnutzend, das Fenster aufzumachen und hinauszuschauen. Erst denke ich, dass dies stumpfer Voyeurismus ist, aber die anderen Fenster gehen auch auf und bald schon ist ein kleiner Schwatz im Gange. Ein paar Autos rauschen heran, ein Handwerkerfahrzeug, die Mitarbeiter vom Bauhof Ranis. Eine junge Frau mit mächtig rot gefärbtem Haar hat trotz Sirene, um Geld bei der benachbarten Sparkasse zu holen, ihr Auto vor die Feuerwehrausfahrt gestellt. Die Männer in den Fenstern lachen fassungslos. Die junge Frau kommt wieder heraus, einer hupt sie an, sie beschwert sich. Dann endlich fährt der Einsatzwagen mit Blaulicht und Sirene die Pößnecker Straße hinunter, wohin werde ich sicher erfahren, ich meine den Schmiedewirt Hubert im Tor der Feuerwehr ausgemacht zu haben.