Große Ausfahrt – 2. Teil

Nach einem kurzen Anstieg geht es stetig hinab zum Wasser, viele Autos parken hier, Badende in den Buchten – auch Partyvolk: dröhnend wummern die Bässe aus einem Wagen, der alle Türen von sich streckt. Wir rollen über den Asphalt, Hitze schlägt uns entgegen. Irgendwann erreichen wir die Staumauer, auf der es turbulent zugeht. Ein kleines Chaos bahnt sich an: Vorspiel zum Stausee in Flammen, einem Feuerwerksfest. Wir lassen den Tumult eilig hinter uns, wieder geht es hinauf, die Hitze ist jetzt am größten. Der Schweiß tropft von der Nasenspitze, ehe wir den Abzweig in Richtung Zeltplatz Alter erreicht haben und wieder rollen können. Die Badewiese ist voll, wir radeln weiter, baden in einer Bucht, neben dem ehemaligen Pumpenhaus. Hier wurde Wasser hinaufgepumpt, um die Felder auf den Höhen zu bewässern. Ein Projekt, das sich sozialistisch anhört und anfühlt – die Rohrleitungen sind inzwischen demontiert. Das Wasser ist sehr warm, später steht auf einmal ein Schäferhund am Ufer, einen gelben Ball im Maul. Wir lassen einander gewähren.

Wieder auf den Rädern geht es stetig hinauf, einem ausgewaschenen Pfad folgend. Zeichen der starken Frühjahrsregenfälle, Auswaschungen, Erdrutsche, sind noch überall zu sehen. Langsam kommt Erschöpfung auf, drohend umbrausen uns Insekten in den Schattenzonen des Waldes. Links und rechts des Weges finden wir Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren. Oben angekommen, entscheiden wir uns für eine Fahrt zum Mooshäuschen. Eine Schutzhütte – Bänke darin, Moos in den Wänden und kleine Köpfe – Siebenschläfer schauen uns an. Das von Bernd angebotene, ausgeschenkte Wasser wird, zumindest in unserer Anwesenheit, ignoriert. Die Tiere hängen träge aus ihren Schlupflöchern.

Danach zwei große Radler in Wilhelmsdorf, Abfahrt nach Ranis, letzte Ortskunde zu Straßen und Feldern. Bei Heroldshof stehen die großen Erntemaschinen dicht gedrängt und ruhen gerade, sie haben schon einen Streifen gemäht.

Ein Pils zum Abschluss bei Hubert, der, die Fliegenklatsche in der Hand, über einem Kreuzworträtsel sitzt. Ende des Tourentages, der Rest sind Ermattung, schwere Beine und Schlaf.

Vielen Dank nochmal an Bernd Weiße für die schöne Tour, die interessante Strecke und die guten Gespräche.

Große Ausfahrt – 1. Teil

Samstag fuhren wir mit den Rädern aus, Bernd und ich, er hatte mir eine solche Tour um den Stausee angeboten und ich schlug dankbar ein. Nach oben ging es gleich, wie das hier meistens so ist – durch Schmorda hindurch, später nach rechts, Richtung Gössitz. Ein glänzender Morgen, die Sonne über den reifenden Feldern, der weite Blick über das Land. Vom Bockfelsen aus die erste große Aussicht auf die Talsperre Hohenwarte. Diesem Ausblick sollten noch unzählige weitere folgen, stets noch größer, noch eindrucksvoller als zuvor. Der Blick: verwöhnt.

Hinab zum Ziegenhof, die Thüringer Wald Ziegen schauen uns neugierig durch das Gatter an, beim Melken stürmen sie den mit speziellem Futter versehenen Melkstand, wie man in Berlin einen Bus besteigt. Der Käse von Bernd kredenzt, später bei einer Rast, einem Waldfrühstück, verzehrt, mundet hervorragend. Wir fahren weiter zur Fähre, vorbei an der Linkenmühle, an der unsinnig gesprengten, bis heute nicht wieder aufgebauten Brücke; wir setzen über und radeln, schieben den steilen Berg hinauf. In Drognitz angekommen, fliegt mir der Strohhut vom Kopf. Es geht ein schöner, ganz angenehmer Wind, wir kehren ein der Flößergaststätte zum Wolf, Klöße und Sauerbraten, ein großes Radler – wunderbar.

Über die Landstraße, zwischen in der Hitze reifendem Korn, wir sehen Roggen, Brauereigerste, Weizen, an einem Wanderrastplatz mit Reckstangen vorbei (es bräuchte mehr solcher Übungsgeräte an Parkplätzen), nach Reitzengeschwenda – hier besuchen wir das Volkskundemuseum, dessen Museumsleiter umsichtig und mit Verve erklärt. Wir schauen uns die alte, schöne Dorfkirche an – in den dicken Mauern ist es angenehm kühl, achtzehn Grad. Danach eine Maschine, ein Sägegatter, zum Schneiden von Brettern, die Sägemühle bis 1990 noch in Betrieb, ein technisches Denkmal. Mancher Sägemeister war hier vormittags und nachmittags auch Busfahrer, erfahren wir. Hinter dem Museum steht eine große Scheune, darin allerlei Landmaschinen und auch Bienen. Im Hof ein großer Walnussbaum, die Blätter angenehm duftend, ätherische Öle darin, den Insekten zum Gram. Im Museum selbst, Geschichte, land- und naturkundliches, die hiesige Lebensweise: Kloßpressen, Butterfässer, kurze Betten, niedrige Decken; der Strohhut streift das Gebälk. Immer wenn der Museumsleiter kurz nicht kann, es sind noch andere Besucher da, übernimmt Bernd – er könnte hier auch ohne Probleme arbeiten, denke ich.

Kurzmeldung

Heute Mittag bei Hubert: Klöße, Pferderoulade, Rotkraut. Hinterher eine sehr schokoladige Mousse. Durch und durch gut.

Die gestrige Ausfahrt um den Stausee – ein Schmuckstein, im Kopf noch roh. In den geistigen Schliff schieben sich Miniaturen, diese Garstbesen. Reiseeindrücke folgen baldmöglichst.

Montag

Eine große Mattheit liegt über dem Tag.

Am Sonntag: Ein Gartenbesuch bei meinem Bruder in Jena, Moderation der Preisträger-Lautschrift, nächtliche Autofahrt mit Rehen links und rechts der kurvigen Straße – der Montag ist kein literarischer. Nichtmal aufs Lesen kann ich mich konzentrieren, auch Fernsehen ist zu anstrengend.

Ich fahre mit dem Rad nach Pößneck, weil ich einkaufen muss und um überhaupt etwas zu tun. Der Wind bläst Staub über den Weg, der Feldboden ist rissig und aufgesprungen. Die Maispflanzen, vor ein, zwei Wochen noch gerade bis über den Fuß reichend, sind jetzt schon hüfthoch. Und auch der Abgabetermin meiner Texte, Ende August, rückt schnell näher.

Freitag: Büchertag

Das Geschenk, des Freundes, des Nein-Sagers, im Briefbeutel an der Tür. Das Holzschiff von Hans Henny Jahnn. Es klingt vom Text der Klappe her sehr nach meinem Empfinden und meinem Interesse. Ich trage es begeistert in die Wohnung.

Kurz nach Mittag fahre ich noch Krölpa – eine angenehme Strecke so am Wald entlang, hoch erheben sich die trotzigen Felsen. Achtung Steinschlag liest man allerorten. In Krölpa dann ins Antiquariat, ein nettes Gespräch mit Frau Seidemann, ich gehe die Regale ab – es ist vieles dabei. Aber alles kann, will ich nicht kaufen. Das Geld, das Gewicht; das schlechte Gewissen ohnehin nicht jedes Buch lesen zu können. Traven packe ich mir ein, Franzen, Hamsun.

Später erklimme ich den Berg zurück nach Ranis, halte an und sehe über das reifende Korn zum Horizont, die Zahl der Ausblicke ist hier phänomenal und beinahe schon eklatant. Ständig will ich „Oh“ und „Ach“ rufen und präge mir die Stellen ein, um sie bei Gelegenheit zu zeigen, meine Begeisterung zu teilen. Ein paar junge Ziegen meckern hell auf ihrer Wiese.

Hupe

Ob sechs oder dreiundzwanzig Uhr – es war ganz egal. Man drückte sie, immer in dem guten Glauben, dass nur der so bezeichnete sie hören konnte. Willkommen und Abschied, Empörung, ein stiller Gruß – es war völlig gleich. Der Schreiber aber warf die Fäuste in die Luft, ob dieses inflationären Gebrauchs und schloss dann leicht die Augen – auch er hatte sich manchmal, auf dem Rad, schon ein Nebelhorn gewünscht, unqualifzierten Verkehrsteilnehmern die Ohren durchzupusten.

Ausfahrt IV

Den Berg hinab, am Wisentgehege vorbei und wieder hinauf – ich schiebe natürlich, die Kette ist lose und rutscht bei jedem stärkeren Tretwiderstand. Ich rolle über den Ackerpfad, die Reifen sind zum Glück breit genug, drängen die größeren Steine, das lose Geröll beiseite. Das Korn steht weit, es rauscht in den Bäumen.

Kurz vor Pößneck drosselt ein Tempo-30 Schild mein wildes Fahrtspiel. Gleich danach folgt ein Stück sandiger Straße – gleich ist mir das Terrain vertraut, erinnere ich mich an meine Zeit als Testfahrer in New Mexico.

Am oberen Friedhof vorbei zu Kaufland, darüber ist nicht viel zu sagen; auf dem Rückweg uriniert ein Holzländer im Schutz des PKW an die Friedhofsmauer, es geht die steinige Ackerspur hinauf, ich schiebe, sehe die grünen Hügel, die Bäumchen darauf. Mögen es Zypressen sein, der Baldachin darüber wirkt samtblau, doch gleich neben diesem mediterranen Hain grollt und tuckert es – ein roter Traktor zieht einen Anhänger, vielleicht ein Silo- oder ein Tankwagen, ich kenne den Begriff nicht, ins Tal.

In Ranis angekommen: Pommes, Schnitzel und ein kleines Rosenpils in der überdachten Sitzgruppe, der Jägerschenke (wieder bin ich mir der Terminologie nicht sicher) des Imbiss.

Ja, ein Imbiss in Ranis! Nun bin ich schon eine Weile hier, war auch vorher manches Mal da, aber nie habe ich um den Imbiss gewusst. Es gibt auch kein Schild und der Parkplatz hinter dem Burgcafé ist für den wandernden Schreiber kein Ereignis. Nun werde ich dort, in dieser schönen Ecke, also das ein oder andere Bier, manchmal eine Knacker oder auch ein Brätel zu mir nehmen, wenn die heimische Küche kalt bleiben soll.

Sonntag, Ausfahrt III: Schmorda

Am Sonntag besuchte mich mein Bruder mit Familie. Auf der Burg erklärte ich meinem vierjährigen Neffen, dass, wenn er einen der Knöpfe an der Wand drückte, Alarm ausgelöst würde, die Feuerwehr käme und das alles am Sonntagnachmittag, wo die Leute ja in Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen wollten. Wieder am Fuße der Burg angekommen, schauten wir die roten Tore der Feuerwehr an, sprachen über die Sirene und ich erzählte, wie schnell beim letzten Alarm alle Männer und Frauen der Feuerwehr dagewesen wären. Es war 15:58 und während ich noch erzählte, ging die Sirene an und es dauerte keine Minute, ehe der erste Kamerad um die Ecke sprintete und gleich danach, in dichter Folge, trafen die anderen Feuerwehrleute ein. Grandios wie alles zusammen kam und wie schnell die Feuerwehr wieder ausrückte – ich war und bin beeindruckt. Zumal der Brand gelöscht und Schlimmeres verhindert werden konnte. Gleichzeitig blieben auch andere Leute stehen und die Fenster gingen auf, so wie ich damals ja auch hinaussah.

Am Montag stieg ich wieder, der Mensch lernt ja nicht dazu, aufs Rad, um eine Runde zu drehen. Ich fuhr über die Lindenstraße in Richtung Schmorda, es ging immer leicht bergauf, aber mit niedrigem Gang kam ich langsam und stetig voran. Bald war ich auf der Höhe, die ich im Sommer in der Werkstatt noch gemalt hatte und ich spürte wieder wie groß der Unterschied zwischen künstlerischer und physischer Aneignung der Welt war. Dort erfasste mich dann auch wieder der Wind, er ging frontal und diesmal an einer Steigung gegen mich an. Ich trat was das Zeug hielt und gelangte schließlich an eine Kreuzung, die ich überquerte, um in Schmorda einzurollen.

Links grüßte mich das alte Kirchgebäude, die Fassade soll, laut Aushang, renoviert werden und eine Werbung für die Einkehr in einen Gasthof. Im Sommer hätte mich sicher der Bierdurst geleitet, aber bei diesem Wetter blieben die Bedürfnisse nur unbestimmt im Raum. Ich bog nach rechts ab und umrundete den Dorfteich, die Löschwasserentnahmestelle, und hatte damit beinahe eine Rundfahrt durch den ganzen Ort unternommen. Kleine Häuser, rote Klinker, Kacheln, Putz, der Dorfgasthof blau und renoviert. Der Platz lag still und friedlich, nur ein bellender Hund war zu hören und zwei im Wind schlagende, unbeflaggte Fahnenmasten. Viele Sträucher waren mit bunten Plastikostereiern geschmückt, was ich schon von meiner Kindheit her sehr gern habe.

Ich machte ein Foto, rollte wieder auf die Straße, der Vollständigkeit halber nochmal circa dreißig Meter weit zum anderen Ortsausgangsschild und drehte dann wieder um. Ich hatte eine kurze Rundtour über Wernburg zurück nach Ranis geplant. Zurück auf der Kreuzung sah ich geradeaus die Burg Ranis in der Senke und bog nach rechts ab, Richtung Knau. Nun kam der Wind wieder direkt von vorn, er frischte nochmals auf, packte mich hart an, wollte die Passage auf keinen Fall freigeben.

Herrje, ich hatte vergessen, was dem Windgott zu opfern war, mir blieb nur der Glaube an den modernen Menschen, an die Technik und die Kraft in meinen Beinen. Ich trat gegen die Windwand an, stets den immer näher kommenden Wald im Blick, in dem ich mir ein Abklingen des Sturms erhoffte. Tatsächlich, nach einem letzten Aufbäumen des Windes auf der freien Fläche fuhr ich in die Schonung – dort war der Wind weniger stark und ich hörte nur das gewaltige Rauschen in den Wipfeln der Nadelbäume. So, glücklich entkommen, fuhr es sich leichter und schneller, spürte ich wieder die Freude, das Tempo des Radfahrens im 18. Gang. Ein verwittertes Holzkreuz ragte rechts aus dem Schnee, am Baum dahinter noch die wuchtig abgeschlagene Rinde, der nackte, verhärmte Stamm.

Richtung Wernburg konnte ich das Rad schließlich rollen lassen, musste nur die Schlaglöcher umkurven und ordentlich bremsen. Ab und an wehte der Schnee von rechts herein. Im Ort wäre ich beinahe mit einem herumrollenden Plastikblumentopf kollidiert – an sich kein Problem, aber der menschliche Reflex des Ausweichens hätte mich fast in Bedrängnis gebracht. Ich aber hielt die Balance.

Mit roten Beinen und Wangen kehrte ich später in die Stadtschreiberwohnung zurück, im festen Vorsatz, das Rad nun erst mal wieder ruhen, den eisigen Nordostwind verebben zu lassen.

 

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Ausfahrt II

Samstag, 23. März

Beim Aufwachen drang helles Licht unter dem Rollo hindurch – gemeinhin ein Zeichen für gutes Wetter. Ich erhob mich schwerfällig, am Morgen hatte ein Hund gekläfft; gekläfft, denn bellen konnte er, wahrscheinlich seiner Größe wegen, nicht und ich hatte mich zum Weiterschlafen nocheinmal umdrehen müssen. Ich hatte schon eine Weile an eine weitere Ausfahrt mit dem Rad gedacht und war nun dazu, am Fenster bei der Heizung stehend, bereit. Vor der Tür ging ein erstes kaltes Lüftchen, ein reger Wind, aber ich schüttelte über meine leisen Zweifel nur den Kopf – fuhr man nicht schon seit Menschengedenken Rad, hatte sich je ein Schiff von einer steifen Brise an der Hafenausfahrt hindern lassen? Ich schwang mich auf, rollte die Straße hinab und fuhr dann hinauf in Richtung Heroldshof. Eine lange, stetig leicht ansteigende Gerade unterschätzte ich völlig, mein Sattel, immer noch zu tief eingestellt, trug das Übrige dazu bei, dass ich kurz vor dem Ortsschild am Straßenrand beinahe kollabierte und schwer keuchend, die Aussicht mitnehmend, auf dem Lenker hing. Um keinen endgültigen Kollaps zu erleiden, beschloss ich, die Ausfahrt in Richtung Stausee vorerst zu unterlassen und ließ mich, der Ablenkung wegen, in Richtung Ranis zurückrollen. Nach ein paar Metern erfasste mich der eisige Wind in voller Wucht, er fuhr direkt durch die Maschen meine Mütze hindurch. Ich versuchte die Kapuze aufzusetzen, der gierige Boreas riss sie mir sofort wieder vom Kopf – so fuhr ich, die Kapuze mit der Hand festhaltend, in schmalen Schlangenlinien zurück. An der ersten Kreuzung, beim Stein mit dem Roons-Gedicht, knüpfte ich die Kapuze zu, stellte den Sattel höher und schnaubte kräftig in ein Taschentuch. Ich schwang mich wieder auf – jetzt ging es schon besser. Zweihundert Meter weiter hielt ich und schraubte den Sattel noch ein wenig hinauf. Auch begann ich endlich die Schaltung zu nutzen, ein in Berlin beinahe ungenutztes Bauteil am Rad.

Ich fuhr durch Ranis hindurch auf die Landstraße Richtung Wernburg. Die ganze Zeit über hatte mich der Wind schon fest im Griff gehabt, ich hörte nichts anderes mehr als sein Fauchen, die ganze Stirn schien mir vereist. Zwischen Ranis und Wernburg erfasste mich dann aber eine noch steifere Brise, riss an meinen Sachen und warf sich gegen mich, auf dem Weg in eine Senke, ich ließ mich rollen, kam ich beinahe zum Stehen, so stark war der Wind. Ich vermutete gleich, das sich Joseph Kittinger so gefühlt haben musste, als er damals, 1960, von der Stratos- in die Troposphäre eintrat, also vom luftleeren Raum kommend auf einmal vom Windwiderstand hart angepackt wurde. Den Heroismus dieses Gedankens aufgreifend gab ich meinem Rad die Sporen, trat ich in die Pedale, hielt nur kurz in Wernburg, wiederum um meine Nase zu putzen, und fuhr dann weiter gen Pößneck. Ich rollte vor Kaufland ein, ich besorgte mir ein Schloss, ich tat was getan werden musste. Nach dem Einkaufen trat ich vor den Markt, die Titanenhaftigkeit meiner Leistung, die brachiale, enorme Fahrt von Ranis nach Pößneck hob sich deutlich gegen das Profane des Parkplatzes ab – Leute holten Geld, sie aßen Wurst, sie standen herum. Im Fahrradständer aber ruhten nun die Trekkingräder, schmutzig und gebraucht, gegerbt von der Witterung, schwer beladen mit Transporttaschen. Gegen diese harten Hunde, gegen diese Allwetterfahrer, diese Kulis und Transportwerktätigen war ich nur ein Bohemian auf einer Samstagsausfahrt, der sich eben noch ein Puddingteilchen im Bäcker gekauft hatte.

Überhaupt zehrte die Rückfahrt meine letzten Kräfte auf, kurz nach dem Ortsausgang Pößneck, Steigungen lagen hinter mir, spürte ich zum ersten Mal Wärme im ganzen Körper und später auch die brennenden Beine, die Feuchtigkeit in Mütze und Handschuhen. Mit letzten, schweren Tritten erklomm ich den kleinen Hügel zum Parkplatz bei Ludwigshof und Papilio, auf der Straße weiter unten bedrängten sich zwei Fahrzeuge, hupten sich gegenseitig an, versuchten und verhinderten ein Überholmanöver. Hier blitzte sie auf für einen Moment: die Leichtigkeit, die Arroganz der Fortbewegung. Die Kraft, von einem Fußdruck kommend, muss einen, auf lange Sicht gesehen, wahnsinnig machen und gierig nach mehr Geschwindigkeit, nach größeren Auspüffen, nach höheren Dezibelzahlen – ganz allgemein nach einem alles übertönenden Röhren. Ich hingegen rollte, jede Körperspannung verlierend, dann und wann die Beine baumeln lassend, über klappernde Gehwegplatten. Das nahe Bellen eines Hundes, die drohende Verfolgung, speichelspritzende Lefzen – all das konnte mir schon nicht mehr zusetzen, mich nicht mehr beschleunigen.

Als letzte Tat stemmte ich mit schwindenen Kräften das Rad und trug es, die Höhen der Stadtschreiberwohnung erklimmend, hinauf, wohl wissend, dass ich es immer und immer wieder tun, ja zu tun gezwungen sein würde.

 

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)
Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Neues Rad, Wernburg
Die Qual des Gebäcks, Katzentraum

Der Tag begann mit einer Ausfahrt des Autos, der Dreck und das Salz mussten runter. Nun fahre ich gerne bei Globus in die Waschstraße oder nutze SB-Waschanalagen, konnte aber nicht herausfinden, ob es eine in der Nähe gibt. Mir ist bei der Enge vor den Einzelwaschplätzen nicht wohl. Ich gondelte ein bisschen herum, das kann der maschinisierte Mensch ja, besah mir die Waschmöglichkeiten der verschiedenen Tankstellen und stand dann bei Shell in der Schlange. Ich habe Zeit und Sprit vertändelt und sicher nicht die beste Entscheidung getroffen, aber ich kann mich so als menschlich per se, nämlich als fehlbar, fühlen und das Auto ist auch sauber.

Nachdem ich in der Fahrradbude Ranis glücklich mein neues Rad in Empfang genommen, wir einen Schwatz gemacht hatten, fuhr ich über das Pflaster einer Einbahnstraße und schaute mich immer, das Rad drohte zu kippen, nach hinten um, ob auch niemand käme mit dem Auto. Das ist so eine meiner Sorgen, das ich der mobilen Freiheit im Weg sein könnte. (Weitere Erläuterungen dazu in meiner Wortwechsel-Kolumne) Ich hielt dann an der Seite an und stellte den Sattel etwas höher. Diese Sattelsache kam über mich, wie die Glühbürne über Edison (so stelle ich mir das zumindest vor, ohne den entsprechenden Wikipedia-Artikel gelesen zu haben) – ich fuhr ein paar Jahre in der Dunkelheit meiner stets erschöpften, ausgelaugten Beine, ehe ich erkannte, wie kraftsparend man vorankam, mit einem höher eingestellten Sattel. (Ob ich diese Erfahrung allerdings selbst machte und die Lösung des Problems somit in meiner Hand lag, weiß ich nicht mehr zu sagen). Ich fuhr durch das Gewerbegebiet über den Parkplatz von Papilio und Ludwigshof gen Wernburg, denn ich hatte diesen Ort dem Namen nach noch in Erinnerung aus einer der letzten Sommerwerkstätten. Ich rollte frohgemut dahin, das Tauwasser plätscherte, wie aus den letzten Einträgen reichlich bekannt, neben der Straße dahin. Es war ganz schön im Ort, wenige Menschen standen bei ihren Häusern. Ich studierte die Aushänge, ich blickte in Richtung einer Kirche und später fand ich noch eine viel kleinere, eine Art Kapelle, auf einem schmalen Grundstück, eine Mauer dahinter, ein mäßig verwitterter Zaun davor. Ich balancierte auf meinem Rad und schaute das Gebäude an, ein Mann in meiner Nähe schloss sein Hoftor, eine Frau lud mit ihrem Sohn Einkäufe aus dem Auto. Auch in Wernburg sah ich einen Lebensmittel- und Getränkeladen, der geschlossen war wie alle Läden um die Mittagszeit, nämlich immer dann, wenn ich meine Runden drehte. Ich ließ mir noch ein wenig die Sonne auf das Haupt scheinen, fuhr dann keuchend hinauf, denn rückwärts stieg der Weg an. Einmal sah ich einen Greifvogel, der Kollege Gause hätte ihn wohl identifizieren können, er war hellbraun, kaffee- fast sandfarben. Ich stand und sah ihm nach. Gleich darauf donnerte ein schwergängiger Geländewagen an mir vorüber. So eng sind manchmal Natur & Technik verbunden! Zurück über den Parkplatz, über das Gewerbegebiet, über eine Straße, parallel zur erst genommenen Einbahn (ich bin in solchen Dingen tageweise Traditionalist) fuhr ich nach Hause, noch kurz beim Bäcker vorbei, hatte schon Apfeltasche und Pfannkuchen ausgewählt, als der Kirschsahnering ins Gespräch kam. Oh schnödes Leben, wie schonst du einen nicht mit deinen Verlockungen! Mit einer Spur Betrübnis verließ ich, meine Tüte in der Hand das Geschäft, der Kirschsahnering blieb hinter dem Vitrinenglas allein zurück, vielleicht, ich hoffte es, im Gespräch mit den benachbarten Windbeuteln und Sahneeclairs.

In der Wohnung rumpelte der Magen und ich kam ihm mit einem guten Mittagessen bei. Dann las ich, diesmal nur kurze Nickerchen zwischendurch, die Nacht hatte ich gut geschlafen, nur eine rollige Katze mauzte gegen sechs in der Frühe. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Arbeit an einer Erzählung.

//Nachtrag: In der Nacht zum siebten März trieb sich die Katze wieder um und schrie laut in meinen Traum hinein, in dem ich eben wieder ausfuhr.

Die nächtliche Ausfahrt des Stadtschreibers
Quelle: gemeinfrei/Wikipedia