Abschreibung, Restwert

Ich merke langsam, dass es zu Ende geht mit der Arbeit am Blog. Ich flüchte mich in die Bücher, in den Kokon der Wohnung, will nur noch lesen für mich, schreiben für mich. Über die Natur gab es vieles zu lesen hier, stand sie mir doch, aus den letzten Großstadtjahren kommend, neu und groß entgegen. Jetzt birgt die Idylle nur noch die Gefahr der Wiederholung, sie steht für sich, es bedarf nicht mehr ihrer Umformung in Sprache.

Ich will auch nicht erzählen von mir, nicht verfallen in die originäre Form des Tagebuchs, nicht öffentlich machen, was ich morgens aß, was ich mochte, was mir missfiel, was mich bedrückte. Den Blog nicht missbrauchen als Halde des Seelenmülls. Mich jetzt nochmal den reifenden Texten zuwenden, ihre Temperatur, die Gärung überprüfen, hier etwas hinzutun, da etwas wegnehmen, das alles im tiefen, kühlen, einsamen Gewölbe.

So ich Erlebnisse, Gedanken, habe, die sich einer schnellen Niederschrift nicht versperren, werde ich sie natürlich an dieser Stelle zugänglich machen.

Stehtisch, später Rabelais

Auf dem Altmarktfest Mittags ein paar Detscher, der gebackene Kartoffelteig ragt heraus aus einem Buttermeer, Zuckereinsprengsel darin. Ich bin sehr angetan.

Abends nochmal auf dem Platz, ein paar Bier trinkend am Stehtisch, die Worte ziehen über mich hinweg. Ich grüße, so wie alle grüßen, aber die Wärme hat mich erschöpft, ich höre wenig durch die Musik, bin und bleibe außen vor.

Ich verfolge den ersten Teil des musikalisch-komödiantischen Programms, bin aber kein Freund des Mitmachens und wo sie sich vorne über Florian Silbereisen echauffieren, nimmt die Veranstaltung doch Züge eines großen Volksmusikschlagerstadels, eingängige, populäre Melodien, Refrainlastigkeit, Zuschauerbeteiligung, an. Gerade auch das zotenhaft Derbe, die übersexualisierten platten Witze, erregen besonders das ältere Publikum – ein bisschen muss ich, nicht ob der Spaßmacher in Front, sondern wegen der Inhalte ganz allgemein an Rabelais denken und wie vielen Leuten hier Rabelais gefallen würde, weil es da auch ständig nur um das Pissen, Scheißen und Vögeln, die Derbheit, geht; aber es ist ja nichts auszurichten mit Büchern. Die Literatur trägt bei manchen Leuten einen solchen Makel, dass man ganz mit ihr gebrochen oder niemals etwas mit ihr angefangen hat.

Ich gehe, wohl zu früh, fühle ich mich doch nicht kräftig genug, noch tiefer in den Alkoholrausch zu flüchten.

 

Montag

Eine große Mattheit liegt über dem Tag.

Am Sonntag: Ein Gartenbesuch bei meinem Bruder in Jena, Moderation der Preisträger-Lautschrift, nächtliche Autofahrt mit Rehen links und rechts der kurvigen Straße – der Montag ist kein literarischer. Nichtmal aufs Lesen kann ich mich konzentrieren, auch Fernsehen ist zu anstrengend.

Ich fahre mit dem Rad nach Pößneck, weil ich einkaufen muss und um überhaupt etwas zu tun. Der Wind bläst Staub über den Weg, der Feldboden ist rissig und aufgesprungen. Die Maispflanzen, vor ein, zwei Wochen noch gerade bis über den Fuß reichend, sind jetzt schon hüfthoch. Und auch der Abgabetermin meiner Texte, Ende August, rückt schnell näher.

Rundgang, Ritterfasching

Mittags trete ich vor die Tür. Am Morgen hat es noch geregnet, jetzt gehe ich unter dunklen Wolken, bewundere wie schon so oft in den letzten Tagen einen enormen Rosenstock an der Pößnecker Straße, der, dicht mit Blüten besetzt, hinter einem Zaun thront. Es ist Samstag, der Ort ist in Bewegung, in den Gärten findet sich die Spur von Tätigkeit, Türen, Garagentore stehen weit offen oder sind angelehnt. Einige verblichene Figuren stehen in den Vorgärten, einen Jäger, gekleidet in kraftlosem Grün, sehe ich gleich vor drei Häusern. Der ramponierte Waidmann hebt eine Hand nach oben, in einem Garten verzweifelt hilflos, die Hand ist leer, keine Lampe darin. Dafür ist sie im nächsten Garten sogar verkabelt, die Stromleitung führt durch ein kleines Kellerfenster ins Haus.

Manchmal stehen Goldfische in Gewässern, ein naturnah angelegter Gartenteich befindet sich in der Nähe eines gemauerten, runden Beckens, das in seiner Art, die Natur menschlich zu bannen und zu kanalisieren eine ganz eigene Ästhetik ausstrahlt.

Der Graben neben der Windmühlenstraße führt kaum noch Wasser, ganz anders muss es noch vor Wochen gewesen sein, die Spuren der Verwüstung, Auswaschungen und der Abrutsch einer Grundstückszufahrt, sind noch zu erkennen – die Schäden werden allmählich behoben. Oben liegt wieder der Duft der Feldkamille über allem.

Vor der Schmiede biege ich ab, laufe die neugebauten Treppen hinauf, dass moderne Geländer glänzt silbern poliert. In der Aussparung zweier Kirchenstützpfeiler steht ein Motorrad. Der verwittere Stein dahinter, zwischen Pflastersteinen sprießendes Gras darunter, die Altstadt ringsum bergen diesen interessanten Kontrast zwischen Kultur- und Maschinentechnik, den man dem Land ganz allgemein gegenüber vielleicht empfindet. (Denn die Natur auf dem Lande ist ja vom Menschen seit Jahrhunderten überformt, ist aus Kulturtechnik entstandene Kulturlandschaft.)

Auf dem Weg zur Burg treffe ich Mitglieder des Raniser Ritterfaschings, die selbst eine Wanderung machen, als Teil einer Dankeschönveranstaltung, für das in der Saison geleistete. Abends gibt es noch einen Ausklung in der Halle von der ZEIN, zu der ich, wie auch zur Wanderung selbst, eingeladen werde. Mitwandern kann ich nicht, meine Eltern kommen kurzfristig zu Besuch, bringen mir eine schöne Topfsonnenblume mit, die sich zum Kaktus auf dem Küchenfensterbrett gesellt. Wir trinken eine Tasse Kaffee, von Gaby gebrüht, dann folgt ein schneller, regnerischer Aufstieg zur Burg. Später setzen sie mich im Gewerbegebiet ab. Der Duft von Holzkohle, von Rostbratwürsten, führt mich zur Halle, wo Kinder spielen, die Menschen beieinander stehen und sich unterhalten.

Ich hole mir ein Bier, später noch eine Roster – im Eingangsbereich, unter dem Rolltor stehend, schaue ich nach draußen auf Wald, Feld und Flur; darüber der dunkel drängende Wolkenhimmel, nach drinnen, auf die Festdekoration, auf die Videoleinwand, die Aufnahmen vom Fasching zeigt. Einige sitzen und essen, andere spielen an einer Tischtennisplatte. Mancher Blick streift mich freundlich-interessiert, ich nicke zurück, ich grüße, sage ein paar Worte, wo ich ein Gesicht wiedererkenne. Lange stehe ich nicht allein, dauert es nur kurz, bis wir uns unterhalten und viele der Anwesenden nach und nach eine Geschichte bekommen.

Es herrscht eine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Ich bin nie in Vereinen gewesen, brauche zu viel Zeit allein für mich. In der Jugend war die Regelmäßigkeit solcher Dinge die größte Last für mich. Hier, an diesem Abend, sehe ich eine funktionierende Gemeinschaft, stehe als Gast auf Zeit nicht außerhalb. Schmiedefeuer, Bier und Eierlikör kreisen wohlig in meinem Organismus.

Eindrücke, Erzählungen und Menschen schlagen über mir zusammen, bilden das wogende Sediment, das sich absetzt, aus dem dann etwas aufscheinen kann für das Werk, vielleicht am nächsten Morgen, mit einer Alkoholflause im Kopf oder erst später, viel später.

Freitag

Auf dem Weg zum Auto (Ende einer kurzen Exkursion nach Berlin) sehe ich im Stadtpark die Mütter in sportiven Sachen auf einer Bank sitzen, die Kinderwägen in den Händen. Gleich wird gerannt, wie es es auch das Motto laufMamalauf auf dem Smart mit Diskokugel am Rückspiegel, pinke Schrift auf schwarzem Grund, ankündigt.

Ich verfalle einen Moment in tiefsinnige Betrachtungen über die große Gleichzeitigkeit unserer Tage, dann fällt mir ein, dass ich nicht vergessen darf, Milch zu kaufen.

Am Nachmittag trinke ich grünen Tee, ich versuche zu lesen, ich trinke Kaffee, ich versuche zu schreiben, ich ruhe ein paar Minuten. Es ist kein Ankommen gegen die Ermattung.

Späte Besserung und Arbeit an der zweiten Erzählung.

 

Zwischenstand, Notizbuch

Die erste Erzählung für den Stadtschreiberband ist bereit für das Lektorat, in das Manuskript wird es im Rahmen meiner Lesung bei den Thüringer Literaturtagen auf Burg Ranis (23.06., 11:00Uhr) und beim nächsten Stadtschreibergespräch (Termin folgt) Einblick geben. Die zweite Erzählung konzipiere und schreibe ich gerade – hier eine Seite aus meinem schönen (wirklich buchartigen) Notizbuch:

Eine Seite aus dem Stadtschreiber-Notizbuch: Konzeption einer Erzählung

Eine Seite aus dem Stadtschreiber-Notizbuch: Konzeption einer Erzählung