Sinn & Formung

Ich ging am Bach entlang hinaus. Der Kies knirschte unter den Sohlen der leichten Sommerschuhe, Kindergeschrei war zu hören. Natürlich, wo Wasser floss, da waren auch Kinder. Die frühen Bewegungen in der Welt zeigen bereits den Willen, die Erde zu formen, sich ihr entgegenzustellen; und so ist die Veränderung, das gestaute Wasser hinter dem Damm, die stetige Verbesserung des Bauwerks, – Zweige hier, lehmige Erde dort – das erste, klare Zeichen, dass man nicht grundlos hier ist.

Die ersten Schritte tat ich noch unter dichtem Laubwerk, dem feuchten Gras entstieg warme, klamme Luft, mit beißenden Einsprengseln von Hundekot – was ich an Haufen sah, war gewaltig.

Weiter ging es, aufs offene Feld, wo der Geruch fast an Bedeutung verlor. Ich hörte: knistern, rascheln, summen; ein abgehacktes Geräusch, gleich einem kaputten Lautsprecher, der nur dann und wann etwas von sich gibt, war eine Schafherde. Im kühlen Grund floss noch immer der Bach, ich aber stieg schon wieder hinauf, auf schmalen, verschlungenen Faden unter dem dichten Walddach – viele Buchen standen hier, ich prüfte die Festigkeit eines abgestorbenen Nadelbaums mit dem Taschenmesser. Letzte Inseln von Rinde hielten sich noch auf dem nackten Stamm.

Später sah ich Pferde, Stute und Fohlen, es war schön zu sehen wie sie standen – aber gewaltige Schwärme an Fliegen drangen auf mich ein, überall sauste und summte es um mich herum, schlugen die schmalen Leiber gegen mich – ich ging eilig weiter.

Auf einem Feldweg lief ich über das weite Land, genoss den Rausch des Blicks, sah über Felder, Waldflecken und Steingerölle hin zu den hohen Hügeln am Horizont. Ein paar Tauben erhoben sich vom heißen Wellblechdach, darunter blökten wieder die Schafe. Ich hielt Tasche und Mütze fest, stolperte, strauchelte, eines Steines wegen, verbat mir aber jedes Zaudern.

Ich musste, wollte vorangehen, gab mich der Fantasie hin, als Bote über Land zu laufen oder ein fernes Ziel zu haben, wie Anton Reiser einstmals. Ich hielt im Schatten der Bäume, besah mir das Gras; hier hatten sie einst gelegen, zwei, drei Stunden gedöst unter dem unendlichen Himmel mit den großen Landwolken – wie herrlich war diese kitschige, romantisierte Vorstellung. Ich sah mich gleich als Schreiberling der Landlust; trank die Idylle, trotz allem, tief und unironisch ein.

Dann oben auf dem Berg, dem staubigen Ackerweg folgend, kam mir eine Idee, eine kleine Eingebung, dass viele der Dinge, die ich so häufig beklagte, bedauerte, wohl gar nicht mein Problem allein waren, sondern von vielen Menschen geteilt, ja wohl in gleicher Weise erlebt werden mussten. Natürlich versöhnte mich der Gedanke kaum, aber ich wusste, wenn ich weitergehen würde, nur noch weitergehen, dann wären, spätestens morgen, alle müßigen Gedanken verworfen, ich wäre bloß noch draußen, mir selbst genug, wie ich es schon einmal erlebt hatte, auf einer Wanderung an die Ostsee. Das Werk aber, all das Schreiben, würde mir dort nicht gelingen, würde erst wieder eintreten, wenn ich der Welt gegenüberstand und einen Zugang zu ihr finden musste, wenn ich, den Kindern gleich, ein Möglichkeit fand, sie zu formen.

So staue ich nun die Welt in tausenden Sätzen auf Bergen von Papier in Unmengen Kilobytes.