Leistungshüten

Ein verspäteter Nachtrag.

Die sonnengebräunten Hüter der Weide treiben die Tiere über einen Parcours. Die Herde läuft geschlossen, die Tiere stoßen aneinander, laufen ineinander, mit lang hängenden Zungen wetzen die Hunde außen herum. Auf dem staubigen Feldweg am Rand der Wiese stehen Menschen: Schäfer und andere – den Blick auf das Geschehen geheftet. Oft wandern die Worte aber hinaus über das Hier&Jetzt des Leistungshütens; wird geschimpft, wie überall geschimpft wird, die Zudringlichkeiten der neuen Zeit diskutierend. Überhaupt hat alles einen Hang zur Bewahrung, von akuten Veränderungen bedroht. In der Zeitung steht: Es gibt nicht genug Nachwuchs für den Schäferberuf. (So wie überhaupt für die Landwirtschaft.) Vor Ort werden alte Hunderassen, alte Schafsrassen vorgestellt. Der Schäfer ist mit seinen Tieren Pfleger der Kulturlandschaft: ohne die Tiere verschwinden die Orchideen, die Wiesen versteppen, der Wald kehrt zurück.

Ich teile diese Gedanken: es gibt hier bei uns keine Natur mehr im Wortsinn der Ursprünglichkeit, die Welt ist von uns geprägt. Sie sich selbst zu überlassen, ein Zurück also, gäbe es nur, wenn der Mensch von der Erde verschwände. Natürlich: Die bunten, glänzenden Blätter erzählen es uns anders (und suchen Käufer). Sie versprechen den Duft des Holzofenbrotes, sie schwärmen von großen, wohlriechenden, üppigen Blüten, vom Geschmack des eigenen Gemüses, den Verheißungen provenzalischer Landhausküche. Es ist ein Versprechen des erfüllten, ganzheitlichen Wirkens: Der Sinn in der Tat.

 

Über Brandenstein
in Richtung Pößneck

Wieder schönes Wetter – die nächste Wanderung. In der Schmiede hatte ich am Tag zuvor gehört, dass ich mir unbedingt das Artenschutzzentrum ansehen soll. Steht auf meinem Plan. Vorher kundschaftete ich den Weg nach Pößneck über Brandenstein aus. Bei Google Maps sah es so aus, als ob es eine kleine Straße wäre. Aber so wie ich es schon in der Fahrradbude erklärt bekam, ist es ein Feldweg und mit dem Fahrrad erst bei längerer Trockenheit befahrbar. Ich lief von Ranis aus den Berg hinunter, die Wisente waren diesmal nah am Zaun und nahe am Spendenelch, den zu Füttern ich mir mit Freude zur Aufgabe gemacht habe. Das zunächst so unscheinbare Geräusch, wenn die Münze in die Sammelbox fällt, ist wirklich heiter und angenehm. Ich nahm mir ein Beispiel am riesigen, kauenden Bullen, stand noch einen Moment, schloss die Augen und ließ Vögel, das Rauschen der Blätter, ein einzelnes Auto auf mich wirken. Mir scheint, als ob das größere Maß an Stille mich stärker und bewusster hören lässt.

Ich stieg die Straße nach Brandenstein hinauf, oben thronten, zu meiner Überraschung, Glascontainer, aber es ging auch noch weiter, wieder hinunter, an großen landwirtschaftlichen Hallen vorbei, die so rochen, wie man sich das als Städter wünscht und vorstellt und aus denen ab und zu das Geräusch von Schafen zu hören war. Hier endete der Asphalt der Straße und eine große Weite lag vor mir, der Weg war noch schneebedeckt, taute aber an vielen Stellen und wurde zunehmend matschiger. Die Sonne blendete mich und mir wurde warm. Die Mütze in der Hand sah ich nach einer Weile eine niedrige Böschung und darauf eine Bank, ich stieg auf dem noch gefrorenen Boden, dann über knirschenden Schnee hinauf und erklomm sie glücklich. Ich saß kurz, ein paar Zeilen lesend, bemerkte dann den Wind, der auch die Tasche meines Fotoapparats mit sich riss und nach unten wirbelte. Wiederum glücklich gelang es mir, die Böschung hinabsteigend, die Tasche aus einer Pfütze zu bergen, in die sie, einer Eisschicht wegen, nicht tief eingesunken war.

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

 

Ich ging danach noch etwas weiter Richtung Pößneck, aber der Weg war immer aufgeweichter, mein Schuhwerk nicht angepasst, obwohl ich alles bedacht habe vorher. Dabei habe ich aber nur gefütterte Winterstiefel und für die ist es schon zu warm. Und auch ohne Wanderschuhe dabei zu haben, bin ich bereits mit vier Paaren angereist, was mich gegen mich selbst aufbrachte, andererseits aber nicht anders zu bewerkstelligen war. Auf dem Rückweg blieb ich noch mal stehen, hörte dem Wind zu und den blökenden Schafen. Die Schneeebene lag in der Sonne und glitzerte, oben schlängelte sich ein Traktor röhrend über enge Waldstraßen. Zurück über Brandstein durchschritt ich die Senke, rechts das noch gefrorene Wasser, den Berg hinauf. Oben, beim Bäcker, hatte ich mir einen Windbeutel bestellt, eine meiner großen Leidenschaften in Sachen Gebäck. Obwohl ich mich ja überhaupt nicht beklagen kann und mir Schweineohren, Apfeltaschen, Pfannkuchen, Apfelballen und eben jener besagte Windbeutel mir bisher hervorragend mundeten.
Den Nachmittag erfüllte ein Schläfchen. Am Abend Arbeit bei Kerzenschein an der Erzählung für die Edition Ranis.