fünf | erzählen (29.7.17)

Ranis_29.7.17 050

später gehst du in die schmiede. in genau diese kneipe, die du noch von den letzten besuchen erinnerst, und noch weißt, dass diesem ort so eine besonderheit innewohnt, nicht zuletzt durch ihren wirt hubert. und du bist die erste, es ist gegen sieben, freundlich wirst du begrüßt, eigens eine tischdecke aufgelegt, und du sitzt nun an einem runden tisch, vorne in der ecke, das licht über dir ist an, eine schmiedeeiserne lampe, ein schmales gelb, du beginnst zu lesen. leise geschäftigkeit um dich, ein hin- und herräumen, jemand dreht den radiokasten aus den 50er jahren lauter, die »single show« läuft, moderiert von einer überaus gutgelaunten stimme, dazwischen lieder zum »kuscheln«, von denen du tatsächlich jedes zweite mitsingen kannst, ohne zu wissen warum, ähnlich wie die frau am nebentisch, und du hörst weiter von männern und frauen, die ihrem vernehmen nach alle im leben stehen, einen gut job haben oder machen, nur manchmal »einem zigarettchen nicht widerstehen können«, was ihr einziger makel sei, ansonsten für fast alles an unternehmungen zu haben wären, sich für fast alles interessieren, verrückt klingt das, aber vielleicht ist ja einfach so, und du kannst dich zusehends weniger beim lesen konzentrieren, aber das macht nicht, denn der raum füllt sich jetzt.

und bis du dich versiehst, bist du teil einer stammtischrunde, denn du sitzt ja am runden tisch, und hattest aber vorher gefragt, ob das der stammtisch sei, denn in deiner alten heimat sind stammtische tabu für neuankömmlinge, hier aber gibt es kein schild, und nein, dass du hier ruhig sitzen kannst, wird dir versichert. das kurze aufklopfen von fremden händen an eben diesen tisch dann, auch das erinnerst du wieder, und dass du das von früher nicht kennst, dass du manchmal sogar darüber erschrickst, wenn du gerade liest, so etwas albernes an dir, aber jetzt nicht, jetzt erschrickst du nicht, sondern freust dich über diese begrüßung, denn du wirst einfach angesprochen, die leute wenden sich dir offen zu. renate etwa, die nur für zwei tage wieder in ihrer alten heimat hier ist, wegen dieser hochzeit, die du schon in der früh mitbekommen hast, die eigens bestellte kutsche auf dem burghof, diese hochzeit, die immer wieder gesprächsthema sein wird an diesem abend, und renate also, fragt dich sofort aus dem kleinen schanktresen heraus, ob du die neue stadtschreiberin seist.

und obwohl es nicht ganz richtig ist, weil es ja diesen stadtschreiber in der alten form nicht mehr gibt, nickst du, auftakt für einen im wahrsten sinne des wortes geselligen abend, an dem dir alte geschichten aus der burg erzählt werden: von kinderzeiten, als man sich noch leichter in der burg verschanzen, verstecken konnte, von zeiten als burgfeste gefeiert wurden und es ochs am spieß gab, der größte sechzehn zentner, ein unfassbares gewicht denkst du, und dann hörst, wie bis zu zehn leute versucht haben, den ochsen in den spieß zu wuchten, und dass das eine schau gewesen sei, und wie schade, dass es das alles nicht mehr geben würde. und dass bis zu 5000 leute am tag dagewesen wären, und wo die jetzt eigentlich seien, fragt man sich, fragst auch du dich, und überhaupt hätte sich alles so schnell geändert, ein nicken am tisch, und dann wird es manchmal ein bisschen ruhiger am tisch, und jemand sagt, von den kneipen und gaststätten sei ja auch kaum was übrig, nur die schmiede hier, immerhin, aber es seien mal sechs an der zahl gewesen, wenn es überhaupt reicht, und einen platz hätte man nirgends bekommen, und manchmal wäre das bier von einer kneipe in die andere getragen worden, wenn dort gerade keins mehr vorrätig war. und auch auf der burg wäre einiges los gewesen, und was die leute jetzt eigentlich machen, das würden alle gerne wissen, denn, auch das wird in diesem moment klar, so eine unterhaltung wie jetzt, die lässt sich nur an so einem ort, an so einem tisch führen, wo alteingesessene und leute wie du zufällig zusammen kommen, einen abend einfach so unkompliziert miteinander verbringen können, sich geschichten erzählen, ein wenig die »gegenwart tauschen«.

zwischendrin denkst du, dass du rechtzeitig zur burg hoch musst, bevor die straßenbeleuchtung ausgeschalten wird, und als du gehst, diesen warmen raum verlässt, fällt noch der geflügelte satz »noch sind die lichter an«, und du denkst, dass das auch gut ist, und nach ein paar metern aber gehen auch schon die lichter aus. der ort sofort ins dunkle getaucht, licht nur noch spärlich, und du setzt deinen weg aus tageserinnerung und vortasten zusammen, richtung burg hoch, nimmst nicht den kürzeren treppenanstieg, sondern jetzt doch lieber die kleine straße, die nach oben führt. deine augen gewöhnen sich schneller als gedacht, dein schritt wird wieder sicherer und über dir, da lassen sich anflüge von pathos und kitsch leider nicht vermeiden, dieser überdeutliche sternenhimmel, lichtpunkte, ungezählt, unerzählt, die den himmel fluten, und du in diesem moment wirklich froh, dass die straßenbeleuchtung nun doch schon aus ist, du an diesem wunderbaren ort sein kannst.

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