Der Weihnachtsmann und das Schneewittchen

Als ich mein Zimmer betrat, erblickte ich zwei Männer in langen Mänteln. Einer von ihnen, unter dessen Melonenhut lockiges Haar hervorquoll, hielt inne und sah mich an.
„Oh, wen haben wir denn da? Einen nächtlichen Spaziergänger!“
„Einen kräftigen, waffenfähigen Mann!“, ergänzte der andere, der eine Glatze trug.
„War bestimmt mit seinem Hundi Gassi.“
„Aber wo ist der Köti? Verschwunden? Vergiftet? Fifi, wo bist du?“
Der Langhaarige winkte mich zu sich. Ich hätte wenigstens versuchen können wegzurennen. Aber ich ging auf sie zu. Ihre Silhouetten erglühten, umrahmt vom Licht der Tischlampe.
„Einen aufrechten Gang hat er!“
„Kampffähige junge Männer sind überall, bloß nicht an der Front, wo sie hingehören.“
„Warst du in der Armee?“, fragte der Mann mit der Glatze. Er lallte ein wenig. Die nassrasierte Haut über seinen Ohren schimmerte, bedeckt von winzigen Schweißperlen.
„Nein.“
„Dann bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit dafür“, sagte der andere.
„Seine Hand ist vergipst, schau!“
„Aber der Zeigefinger ist frei, das reicht.“
„Stimmt. Wir haben diesen einen Spasti, du weißt schon. Wenn der mit seinen zuckenden Händen den Karabiner packt, verwandelt er ihn in ein Maschinengewehr.“
„Die ganze Nacht kein einziger Rekrut zu finden, nirgendwo. Egal wo wir geklingelt haben.“
„Aber sehr höfliche Mütter und Schwestern, haben uns jedes Mal etwas zum Trinken angeboten.“
„Und hübsch sind sie.“
„Genau!“
„Aber die männlichen Bewohner: keiner da, gerade unterwegs, zu Besuch, in der Disco, beim Bowlen und so weiter. Komisch, oder? Die meisten sind bestimmt über die Grenze und – fiu!“
Der mit dem Hut machte eine schlängelnde Geste mit der Hand.
„Nach Deutschland, nach Holland, nach Schweden. Schwarzarbeit, kriminell werden und Ähnliches. Das geht auch nicht, oder?“
„Wir müssen heute Nacht jemanden mitnehmen, sonst wird unser Kommandant… ungehalten.“
Sie lachten.
Ungehalten!“
„Wir mussten uns sogar verkleiden, damit nicht alle weglaufen, wenn sie uns sehen.“
Der Mann mit dem Hut öffnete seinen Mantel und gewährte mir einen Blick auf die dunkelgrüne Uniform, in deren Mitte eine Reihe von Metallknöpfen aufblitzte.
„Hast du jemals Offiziere in solcher edlen Aufmachung gesehen?“, fragte der andere – „Alles fürs Vaterland! Morgen sind wir als Weihnachtsmann und Schneewittchen unterwegs!“
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ein wenig Kasernenleben, der Staat kümmert sich um alles, Essen und Bett umsonst, man kann dabei sogar etwas verdienen.“
„Genau. Ein wenig Krach machen, Erfahrungen sammeln. Danach findest du einen guten Job.“
„Wo denn? Beim Sicherheitsdienst?!“, lachte sein Kamerad.
„Sch, halt’s Maul, du Idiot!“, schmunzelte der andere und legte sich den Zeigefinger an die Lippen. Dann klopfte er mir auf die Schulter –
„Komm, wir helfen dir. Wir holen deine Zahnbürste und deinen Teddy, und trinken einen auf deine Gesundheit.“
Ich sah mich um. Teppich, Stuhl, Bett – auf einmal erschien mir alles unbekannt, als wäre ich nicht im eigenen Zimmer. Der mit der Glatze sang leise ein Turbofolk-Lied:
„Geh, solange du noch jung bist, solange du noch Zeit für den Fluss der Veränderungen hast, für den Flug und für den Fall, für das Morgen und für das Jetzt. Geh solange du jung bist, heute Nacht, wenn die Gäste weg sind, geh, ich lasse dich los, ich segne dich und gebe dir deine Freiheit, weil wir kaputt sind…“

Ich höre auf zu tippen und strecke mich. Pause. Ich gieße mir Kaffee ein, schaue aus dem Fenster auf das Dach gegenüber. Zwei Krähen stehen schweigsam nebeneinander. Der Laptop piept, eine Mail ist angekommen. ‚Sie haben sich mit Ihrem Manuskript für das Raniser Debüt beworben. Nach ausgiebiger Prüfung und Diskussion aller eingereichten Beiträge dürfen wir Ihnen mitteilen, dass die Jury Ihren Text für das Raniser Debüt ausgewählt hat.‘
! ! !
Ich springe auf den Flur, tanze im Kreis und spiele Luftgitarre, singe das Riff von ‚Smells like teen spirit‘. Mein neunjähriger Sohn verlässt das Bad und sieht mich entsetzt an.
„Wenn einer von meinen Freunden dich jetzt sehen würde… Dann hätte ich keine Freunde mehr. Keiner würde er uns je wieder besuchen“.
Aber als ich das letzte Riff ausklingen lasse und ihm erzähle, dass ein erfahrener Lektor mich bei der Entwicklung meiner Romangeschichte begleiten würde und dass ich im nächsten Sommer für zwei Monate eine Wohnung in einer Burg beziehen könnte, ruft er begeistert aus –
„Wir machen Ferien auf einer Burg!“
Ich küsse ihn und stürze mich in die Arbeit:
„Komm, gehen wir. Wir holen deine Sachen und trinken einen auf deine Gesundheit“, sagte der Mann mit dem Melonenhut und klopfte mir auf die Schulter. Ich brachte drei Gläser und stellte eine Flasche Sliwowitz auf den Tisch. Wir stießen an.

Ein neuer Tag, ein neuer Blogger!

Den Raniser Stadtschreiber gibt es nicht mehr.

An seine Stelle ist eine neue Autorenförderung getreten: das Raniser Debüt, das speziell für Newcomer auf der literarischen Bühne zugeschnitten ist. Im Frühjahr 2014 wurde das „Raniser Debüt“ erstmals vom Lese-Zeichen e.V. ausgeschrieben. Teilnehmen konnten alle Autoren, die noch keine eigenständige Veröffentlichung vorzuweisen haben. Gestiftet wird das „Raniser Debüt“ von der Kreissparkasse Saale-Orla.

Denijen PauljevicWegen der beachtlichen Qualität der eingereichten Arbeiten konnte sich die Jury erst nach ausführlicher Diskussion auf einen Sieger einigen. Ausgewählt wurde Denijen Pauljevic für sein Manuskript „Der Wundenleser“. Die Geschichte spielt auf einer Militärbasis, wo Soldaten auf ihren Kriegseinsatz vorbereitet werden. Das Thema beschäftigt den in Belgrad geborenen Autor auch aus persönlichen Gründen. Denijen Pauljevic flüchtete während der Balkankriege nach Deutschland und lebt heute in München.

In den kommenden Monaten wird Denijen Pauljevic zusammen mit einem erfahrenen Verlagslektor an dem Manuskript arbeiten. Anschließend wird der Text als Buch publiziert.

Denijen Pauljevic wird außerdem den Blog an dieser Stelle fortsetzen.