Abschied II

Mit dem Ende meiner Anwesenheit stelle ich auch die Arbeit am Blog ein. Ich danke allen Leserinnen und Lesern, insbesondere allen Kommentierenden für die interessierte Begleitung des Blogs vom Winter- bis zum Sommerende. Ab und an werden sich hier noch Ankündigungen finden und dann sicher auch neue Texte, wenn erst der oder die neue Stadtschreiberin die Heimstatt bezogen hat.

Ich hatte eine schöne, produktive und aufschlussreiche Zeit in Ranis.

Herzlichen Dank und viele Grüße,

Christian Wöllecke

Abschied I

Leute

Eigentlich war hier nichts anders. Natürlich, die älteren Leute grüßten, genau wie die Kinder. Und wenn man sich Mühe gab, war beinahe jeder grüßbar. An der Schießbude flogen die Scheiben weg, gab es kleine Autos zu gewinnen. Das Softeis floss in die Tüten, in die Münder, auf den heißen Asphalt. Oft stand ich dabei, gelehnt an Schildpfosten und Mauern, gestützt auf Biertischgarnituren und Stehtische, schob mich für ein paar Momente in die Umlaufbahnen, flog ein Stück mit, ehe ich wieder ausschwenkte. Ging ich mit Hut und Bart durch die Gassen, hier und dort grüßend, kam manchmal ein schmales, wissendes Lächeln zum Vorschein, oft genug aber auch ein irritierter Blick. Der Fremde, zumal der grüßende Fremde, fällt auf in Ranis. Man sitzt in der Wirtschaft, man sitzt zu Hause, es wird noch mächtig geraucht. All diese lang andauernden Diskussionen, das Zögern und Zaudern in den großstädtischen Universitäten zerschlug sich hier ganz unmittelbar. Ich kannte das schon, es überraschte mich nicht, hatte ich doch selbst das ein oder andere Mal in Hermsdorf in der Gastwirtschaft gesessen, Stiefel und Schnäpse getrunken. Und hatte mich auch einmal mit Koeppens Tauben im Gras in die Schmiede gesetzt, das war, als Unsere Mütter, unsere Väter erstausgestrahlt wurde, darauf kamen wir, des Buches wegen. Aber ich konnte mich bald nicht mehr darauf konzentrieren – verlor mich in der Leichtigkeit der Sinne, nach dem vierten Bier vermutlich. Das goldene Korn in den Gläsern.

 

Land

Das goldene Korn auf den Feldern. Und noch mehr. Wanderungen durch die rauschenden Wälder, hinab und wieder hinauf. Überall: Ausblicke. Ausfahrten. Unmittelbar in der Kulturlandschaft, in dieser selbst geschaffenen Natur zu sein. Einsamkeit zu finden, ohne längere Suche. Der Geruch der Kamillefelder – würzige, schwere Luft nach dem Regen, am Ende einer langen Trockenheit. Doch fand ich nur noch wenig Trost in der Natur, war es, wenn überhaupt, eine Flucht auf Zeit. Nicht zu vergleichen mit den einsamen Nächten der Jugend unter dem unendlichen, verweinten Sternenhimmel. Ich wollte immer wieder zurück unter Menschen.

 

Ich

Als ich ankam, 120 Tage Aufenthalt vor mir, wogte die Ungewissheit: würde ich in dieser Zeit zu Schreiben schaffen, würden brauchbare Texte entstehen? Stadtschreiber in Ranis zu sein, stellte eine neue Ernsthaftigkeit des Schreibens dar, der ich mich bald völlig verschrieb. Dann, ich hatte von Sergei Tretjakow gehört und Peter Weiss gelesen, reifte eine neue Idee in mir. Durch die Lande zu streifen, überall mit anzupacken und nebenbei die Literatur auszusäen, in die Köpfe. Ich erinnerte mich an die Reportagen, an die Arbeiterliteratur, die ich gelesen hatte. Eine Weile beseelte mich diese Idee, bis sie am Widerstand der Sturköpfe und meiner eigenen, der körperlichen, harten Arbeit entfremdeten Lebensweise, scheiterte. Ich brauchte eine Weile, um mich darauf zu besinnen, dass es mir zunächst gar nicht darum gegangen war, dass ich vor allem schreiben wollte. Ich begriff, dass nichts dagegen sprach, als Stadtschreiber ein Kammerschreiber zu sein, dass die Leute nicht erwarteten, mich draußen zu sehen, es also nicht wirklich erwarteten, nur ganz diffus, in einem gemeinsamen Tenor, wie man eines Lottogewinns harrt, sich über die Politik beschwert oder darauf hofft, dass es ein todkranker Mensch am Ende doch noch schafft, weiterzuleben. Und so fand ich, nach einiger Unruhe und Verzweiflung, in die Gemächlichkeit des Seins, des Schreibens, zurück, brachte alles zu Papier, verwarf auch einiges. – Nun ist alles abgegeben.

Wasser, Wind

Wir saßen am Wasser, die Hände fest geschlossen um die Flaschenhälse, erzählten von damals, von heute. Ein Boot zog vorüber, zwei schmale Glatzköpfige stiegen in Unterhosen ins Wasser, gerade soweit, dass der Stoff trocken blieb an ihrer Haut. Gegenüber schoss einer mit dem Köderkatapult – gleich brachen die glänzenden Fischleiber tänzelnd aus dem Wasser.

Rundherum der Fichtenwald und hellgrün die Birken dazwischen, wucherndes Unkraut der Wälder.

Der nächste Tag treibt Regen vor sich her, treibt Wind zwischen die dragierten Erdnüsse auf dem Tisch.

Drittes & letztes Stadtschreibergespräch
28.08., 19:30 Uhr, Schmiede Ranis

Literatur ist öde, Bücher zu staubig? Dann herzlich willkommen zum letzten Stadtschreibergespräch.

Zum Abschluss meiner Anwesenheit in Ranis werde ich nicht zu tief in den vergilbten Druckseiten gründeln. Ein paar kurze Text wird es natürlich geben, direkt gespeist aus meinen Erfahrungen vor Ort.

Gekühlt (oder auch befeuert) durch das eine oder andere Getränk, scharen wir uns dann in Huberts guter Stube um das gemeinsam gesprochene Wort.

Stadschreibergespräch (Abb. ähnlich, ohne Deko, minimal idealisiert)Foto: Mario Keim

STADTSCHREIBERGESPRÄCH (Abb. ähnlich, Ort abweichend, ohne Deko, idealisiert)
Foto: Mario Keim

Schönbrunn (Schleusegrund)
Hildburghausen
Waffenrod/Hinterrod

Verschollen im Wald, am Brunnen vor dem Tore. Aus Glas floss Schnaps, Besteck und Teller fröhlich flimmernd im farbigen Licht. Abseits alles Materiellen, jenseits von Spanferkel und Schaschlikspieß, von gewaltigen Wurst- und Käseplatten, von der hohen Torte, den Keksen, tat sich, Hand in Hand, die Vertrautheit der Liebe auf, wog sich im Spiel der Musik. Die kühle Nacht ging gegen das Zelt an, drinnen froren die Damen in Roben. Der Kies knirschte unter dem Gewicht der Raucher, wir trafen uns an der Theke, strichen uns durchs Haar, redeten vom Kommenden, sahen erstaunt und geblendet dem aufsteigenden Feuerwerk zu; danach allein, nur ab und an ein später Gast auf dem Weg zum Toilettencontainer, die Mondsichel zwischen Wolkenfetzen über dem schwarzen Fichtenbühl.

Abschreibung, Restwert

Ich merke langsam, dass es zu Ende geht mit der Arbeit am Blog. Ich flüchte mich in die Bücher, in den Kokon der Wohnung, will nur noch lesen für mich, schreiben für mich. Über die Natur gab es vieles zu lesen hier, stand sie mir doch, aus den letzten Großstadtjahren kommend, neu und groß entgegen. Jetzt birgt die Idylle nur noch die Gefahr der Wiederholung, sie steht für sich, es bedarf nicht mehr ihrer Umformung in Sprache.

Ich will auch nicht erzählen von mir, nicht verfallen in die originäre Form des Tagebuchs, nicht öffentlich machen, was ich morgens aß, was ich mochte, was mir missfiel, was mich bedrückte. Den Blog nicht missbrauchen als Halde des Seelenmülls. Mich jetzt nochmal den reifenden Texten zuwenden, ihre Temperatur, die Gärung überprüfen, hier etwas hinzutun, da etwas wegnehmen, das alles im tiefen, kühlen, einsamen Gewölbe.

So ich Erlebnisse, Gedanken, habe, die sich einer schnellen Niederschrift nicht versperren, werde ich sie natürlich an dieser Stelle zugänglich machen.

Stehtisch, später Rabelais

Auf dem Altmarktfest Mittags ein paar Detscher, der gebackene Kartoffelteig ragt heraus aus einem Buttermeer, Zuckereinsprengsel darin. Ich bin sehr angetan.

Abends nochmal auf dem Platz, ein paar Bier trinkend am Stehtisch, die Worte ziehen über mich hinweg. Ich grüße, so wie alle grüßen, aber die Wärme hat mich erschöpft, ich höre wenig durch die Musik, bin und bleibe außen vor.

Ich verfolge den ersten Teil des musikalisch-komödiantischen Programms, bin aber kein Freund des Mitmachens und wo sie sich vorne über Florian Silbereisen echauffieren, nimmt die Veranstaltung doch Züge eines großen Volksmusikschlagerstadels, eingängige, populäre Melodien, Refrainlastigkeit, Zuschauerbeteiligung, an. Gerade auch das zotenhaft Derbe, die übersexualisierten platten Witze, erregen besonders das ältere Publikum – ein bisschen muss ich, nicht ob der Spaßmacher in Front, sondern wegen der Inhalte ganz allgemein an Rabelais denken und wie vielen Leuten hier Rabelais gefallen würde, weil es da auch ständig nur um das Pissen, Scheißen und Vögeln, die Derbheit, geht; aber es ist ja nichts auszurichten mit Büchern. Die Literatur trägt bei manchen Leuten einen solchen Makel, dass man ganz mit ihr gebrochen oder niemals etwas mit ihr angefangen hat.

Ich gehe, wohl zu früh, fühle ich mich doch nicht kräftig genug, noch tiefer in den Alkoholrausch zu flüchten.

 

Prärie, Kirschen

Vor einem toten Stamm, die brüchigen Äste längst verloren, stehe ich einen Moment in der Prärie. Nur von Trockenheit und Härte umgeben, der benagte Boden, das stechende, streifende Gras. Die Trockenwiese ist nicht gänzlich ohne Gehölz, noch stehen ein paar Kirschbäume, längst aufgegebene Kirschbaumruinen, mit knarzenden Stämmen und raschelnden, braunfleckigen Blättern.

Den Blick nach oben gerichtet, sinnlos Kirschen suchend, streife, taumele ich, werde erst an anderer Stelle fündig, später, finde ein paar wenige, dunkelrote, prall gespannte Früchte, die ich, springend, mit einem langen Stock zu Boden schlage, ernte, auflese, verzehre und deren Kerne ich schließlich mit aller Gewalt ausspucke, mit geformten Lippen in die Böschung schleudere.