Erster Zeit beschließende Worte

Der beschließende Beitrag meiner ersten Zeit in Ranis kommt reichlich spät. Schon jetzt verblassen die Bilder, am Himmel ziehen die Wolken faserig über das Blau. Ergiebiger Regen folgt in der Nacht, so die Vorhersage. Ich selbst könnte nun eine Rückschau wagen, tue es aber nicht. Ich denke an das Wochenende der Abfahrt: an den Schnee des Samstags, das leichte Überfrieren auf der Straße und die Plusgrade, die Sonne des Sonntags. Die Tasse mit dem Aufdruck Gasthaus zur Schmiede Ranis steht auf dem Schreibtisch, sie ist, wie es auch die Weißbiere waren, ein Gruß von Hubert für den fahrenden Schreiber.

Der Stadtschreiberblog wird Ende Juni fortgesetzt. Zwischenzeitliche Einträge sind aber nicht ausgeschlossen.

Hinauf, Hinunter

Zur Burg hinauf und wieder hinunter. Täglich wollte ich das machen. Geschafft habe ich es vielleicht zehn Mal. In der Altstadt finde ich wieder ein neues Gässchen, auf einem Fensterbrett steht ein blauer Aschenbecher, aus einer Hauswand dringt scheppernd Metallica. Ich schaue zur Burg hinauf, hinter einem Fenster sagt jemand: „Aber du musst etwas dazu trinken.“

Beim Fleischer gibt es gebackenes Blut. Ich muss an Blutspenden denken. Und an gebackenen Camembert. Im tief liegenden Golf röhrt eine Frau vorüber, eine junge Frau, wie ich sehe, als sie aus dem Auto steigt. Sie parkt Schnauze an Schnauze, dem Fahrzeug des Anvertrauten gegenüber, ich denke jedenfalls, dass es so sein muss. Binden sie doch die orangefarbenen Trinkdevotionalien aneinander, jene Reminiszenzen an hawaiianische Blumenketten, dem Umtrunk und der Diskothek verbunden, einst vielleicht um die vom Schnaps heißen Hälse geschlungen und nun, ausgeblichen und verstaubt, an den Rückspiegeln hängend.

Zur Höhe hin liegt noch Schnee auf den Feldern, die Wiesen am Ort sind schon wieder sie selbst. Ein paar Autos fahren vorüber, die Brückenmauer über dem Fluss gibt den Geist auf und stürzt sich nach und nach in die Tiefe. Die Schafe liegen im Gatter, auf den Gehweg mit Kreide gemalt: Punks not dead.

Schnee, Eine Zeile

Beim Aufwachen Stimmen unter dem Fenster: „Ich hätte gewettet, dass es nicht nochmal schneit.“ Aber es schneit nochmal, ein wenig, immer mal wieder, den ganzen Tag lang. Nach dem Frühstück erstes Einschreiben am Rechner, ich lockere die Finger, schüttelte die Hände. Tippe vier Seiten lang Buchstabenkolonnen, um eine hohe Anschlagszahl zu erreichen. Dazu rhythmische Musik auf den Ohren, Schreibersounds 9, die neue Platte. Kreativexplosion. Melodische Strukturierung. Schnellfeuermodus. Ein paar Stunden gehen so ins Land. Dann bin ich bereit für meinen erste und einzige Zeile.

Über dem Ort bei den Schafen stehend: ich bewege mich nicht, die Tiere laufen unruhig hin und her – wir glotzen uns an.

 

Kurz

Nächtliche Ankunft in Ranis, wie sooft ein Fahrzeug im Nacken, immer dicht auf der eigenen Stoßstange hockend – egal bei welcher Geschwindigkeit. Beginn der letzten Woche meines ersten Aufenthalts.

Der Tag: spätes Aufstehen und das Vergeuden von Zeit, der Körper nimmt sich was er braucht, ich lasse ihn gewähren, nicht schreiben, nicht lesen – kommt, kommt wieder, so wie man auch ohne Wecker irgendwann erwacht.