Koeppen

(Aufwachintermezzo am Morgen: Noch Bierdunst im Kopf quäkt das Gehirn: „Fassbrause“. Rot, grün, egal – Fassbrause. Es ist zu früh, denke ich, nicht zu früh an sich, die Menschen gehen, fahren ja schon zur Arbeit, aber eben noch zu früh für Fassbrause. Bloß gibt das Gehirn keine Ruhe, rebelliert der ganze Körper, stehe ich auf, trinke Wasser, esse ein paar Löffel Apfelmus und weiß um den Betrug, aber der Körper, der blöde, merkt nur dass Zucker und Flüssigkeit anlangen – ein bisschen schimpft das Gehirn und bald bin ich wieder eingeschlafen.)

Draußen ist alles gedämpft, stehen krumme, schiefe Häuser, stehen winklige Scheunen mit schrägen Mauern, dass alles zusammenfällt glaubt man ja nicht und es kann trotzdem sein, wer sich den Statiker ins Haus holt, ist selber Schuld. Man müsste eigentlich – und die Häuser hatten eine Funktion, haben eine Funktion, soweit ist man weg, nur noch Mieter; Man schaut die kleinen Holztüren an und fragt sich – der Wasserlauf ist ja eingefroren, darüber Schnee gerutscht, die gleichen Gesichter in der Schmiede und warum gehen die Leute heute nicht mehr in die Gastwirtschaft? Es war ja alles voll früher, bloß heute nicht mehr. Man muss sich ja erhalten, sich ja gesund erhalten, den Geist pflegen – für was überhaupt, für die Arbeit bloß oder auch für die Rente, später? Und gesund erhalten: sich zu betrinken ist ja nicht unbedingt gesund erhalten, ist ja auch eine Pflege, ein Vorgang, der vieles erträglicher macht, der einen aushalten lässt, der dämpft, aber vielleicht nicht gesund erhält, das nicht – es sind keine Vögel im Gras, das Gras ist ja auch ganz braun, so wie es überhaupt noch immer keine Farbe gibt in der Landschaft und die Bäume kahl stehen, in Schottland die Schafe eingeschneit und die Zugvögel wieder umkehren in den Süden. Schaut! die haben es ja immer noch ein bisschen schlechter als wir und wir beklagen uns auf hohem Niveau – die Kabel laufen außen an den Häusern entlang, Antennen sind das wohl oder gleich Netzwerkkabel, es sagt ja keiner was, es ist ja kalt und manchmal hört man die Stimmen durchs Glas, durchs Fensterglas – sind wir aus Fleisch und nicht aus Glas, kommen der Wind und die Zeit und werden uns abtragen, die Häuser können ja auch einstürzen und das Gras ist braun und keine Farbe in der Landschaft, wir stehen mit krummen, schiefen Gliedern und glotzen aus unseren kleinen Holzaugen auf die Straßen und keiner weiß mehr, wofür die ganzen Holzaugen da sind und wir sitzen in der Stube und schauen fern, wir bilden uns und trinken nur noch ein Bier, ein kleines, den Geist kann der Wind ja nicht abtragen, nur den Körper drumherum; der Weg zum Friedhof hoch hat ein Geländer, falls wir nicht mehr können, wir müssen ja doch hinauf und vielleicht wird man so freundlich sein, uns zu fahren. Es ist ja für alles gesorgt, Kaffee gekocht und rote Grütze, die gute Grütze, die nie wirklich nach Himbeeren geschmeckt hat und zu der man Soße mit Vanillegeschmack isst mit Vanillearoma. Gedämpft ist wieder alles, wir essen, wir lachen, wir reden und dann soll einer unter die Erde, aber der Boden ist ja noch gefroren, dann lassen wir ihn eben liegen, soll er doch!!! bis die Bäume grün und wir wieder wer sind. Die Freunde sind ja ohnehin verschwunden, die stumme Ferne, die unvergessliche Vergangenheit, wir haben alles vergessen und stehen trotzdem bloß in Erinnerungen bis der Wind auch uns abträgt, uns abschlägig beschieden wird. Vom Greifvogel gehackt. Unendlichkeit erduldend.

Sonntag, Ausfahrt III: Schmorda

Am Sonntag besuchte mich mein Bruder mit Familie. Auf der Burg erklärte ich meinem vierjährigen Neffen, dass, wenn er einen der Knöpfe an der Wand drückte, Alarm ausgelöst würde, die Feuerwehr käme und das alles am Sonntagnachmittag, wo die Leute ja in Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen wollten. Wieder am Fuße der Burg angekommen, schauten wir die roten Tore der Feuerwehr an, sprachen über die Sirene und ich erzählte, wie schnell beim letzten Alarm alle Männer und Frauen der Feuerwehr dagewesen wären. Es war 15:58 und während ich noch erzählte, ging die Sirene an und es dauerte keine Minute, ehe der erste Kamerad um die Ecke sprintete und gleich danach, in dichter Folge, trafen die anderen Feuerwehrleute ein. Grandios wie alles zusammen kam und wie schnell die Feuerwehr wieder ausrückte – ich war und bin beeindruckt. Zumal der Brand gelöscht und Schlimmeres verhindert werden konnte. Gleichzeitig blieben auch andere Leute stehen und die Fenster gingen auf, so wie ich damals ja auch hinaussah.

Am Montag stieg ich wieder, der Mensch lernt ja nicht dazu, aufs Rad, um eine Runde zu drehen. Ich fuhr über die Lindenstraße in Richtung Schmorda, es ging immer leicht bergauf, aber mit niedrigem Gang kam ich langsam und stetig voran. Bald war ich auf der Höhe, die ich im Sommer in der Werkstatt noch gemalt hatte und ich spürte wieder wie groß der Unterschied zwischen künstlerischer und physischer Aneignung der Welt war. Dort erfasste mich dann auch wieder der Wind, er ging frontal und diesmal an einer Steigung gegen mich an. Ich trat was das Zeug hielt und gelangte schließlich an eine Kreuzung, die ich überquerte, um in Schmorda einzurollen.

Links grüßte mich das alte Kirchgebäude, die Fassade soll, laut Aushang, renoviert werden und eine Werbung für die Einkehr in einen Gasthof. Im Sommer hätte mich sicher der Bierdurst geleitet, aber bei diesem Wetter blieben die Bedürfnisse nur unbestimmt im Raum. Ich bog nach rechts ab und umrundete den Dorfteich, die Löschwasserentnahmestelle, und hatte damit beinahe eine Rundfahrt durch den ganzen Ort unternommen. Kleine Häuser, rote Klinker, Kacheln, Putz, der Dorfgasthof blau und renoviert. Der Platz lag still und friedlich, nur ein bellender Hund war zu hören und zwei im Wind schlagende, unbeflaggte Fahnenmasten. Viele Sträucher waren mit bunten Plastikostereiern geschmückt, was ich schon von meiner Kindheit her sehr gern habe.

Ich machte ein Foto, rollte wieder auf die Straße, der Vollständigkeit halber nochmal circa dreißig Meter weit zum anderen Ortsausgangsschild und drehte dann wieder um. Ich hatte eine kurze Rundtour über Wernburg zurück nach Ranis geplant. Zurück auf der Kreuzung sah ich geradeaus die Burg Ranis in der Senke und bog nach rechts ab, Richtung Knau. Nun kam der Wind wieder direkt von vorn, er frischte nochmals auf, packte mich hart an, wollte die Passage auf keinen Fall freigeben.

Herrje, ich hatte vergessen, was dem Windgott zu opfern war, mir blieb nur der Glaube an den modernen Menschen, an die Technik und die Kraft in meinen Beinen. Ich trat gegen die Windwand an, stets den immer näher kommenden Wald im Blick, in dem ich mir ein Abklingen des Sturms erhoffte. Tatsächlich, nach einem letzten Aufbäumen des Windes auf der freien Fläche fuhr ich in die Schonung – dort war der Wind weniger stark und ich hörte nur das gewaltige Rauschen in den Wipfeln der Nadelbäume. So, glücklich entkommen, fuhr es sich leichter und schneller, spürte ich wieder die Freude, das Tempo des Radfahrens im 18. Gang. Ein verwittertes Holzkreuz ragte rechts aus dem Schnee, am Baum dahinter noch die wuchtig abgeschlagene Rinde, der nackte, verhärmte Stamm.

Richtung Wernburg konnte ich das Rad schließlich rollen lassen, musste nur die Schlaglöcher umkurven und ordentlich bremsen. Ab und an wehte der Schnee von rechts herein. Im Ort wäre ich beinahe mit einem herumrollenden Plastikblumentopf kollidiert – an sich kein Problem, aber der menschliche Reflex des Ausweichens hätte mich fast in Bedrängnis gebracht. Ich aber hielt die Balance.

Mit roten Beinen und Wangen kehrte ich später in die Stadtschreiberwohnung zurück, im festen Vorsatz, das Rad nun erst mal wieder ruhen, den eisigen Nordostwind verebben zu lassen.

 

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Ausfahrt II

Samstag, 23. März

Beim Aufwachen drang helles Licht unter dem Rollo hindurch – gemeinhin ein Zeichen für gutes Wetter. Ich erhob mich schwerfällig, am Morgen hatte ein Hund gekläfft; gekläfft, denn bellen konnte er, wahrscheinlich seiner Größe wegen, nicht und ich hatte mich zum Weiterschlafen nocheinmal umdrehen müssen. Ich hatte schon eine Weile an eine weitere Ausfahrt mit dem Rad gedacht und war nun dazu, am Fenster bei der Heizung stehend, bereit. Vor der Tür ging ein erstes kaltes Lüftchen, ein reger Wind, aber ich schüttelte über meine leisen Zweifel nur den Kopf – fuhr man nicht schon seit Menschengedenken Rad, hatte sich je ein Schiff von einer steifen Brise an der Hafenausfahrt hindern lassen? Ich schwang mich auf, rollte die Straße hinab und fuhr dann hinauf in Richtung Heroldshof. Eine lange, stetig leicht ansteigende Gerade unterschätzte ich völlig, mein Sattel, immer noch zu tief eingestellt, trug das Übrige dazu bei, dass ich kurz vor dem Ortsschild am Straßenrand beinahe kollabierte und schwer keuchend, die Aussicht mitnehmend, auf dem Lenker hing. Um keinen endgültigen Kollaps zu erleiden, beschloss ich, die Ausfahrt in Richtung Stausee vorerst zu unterlassen und ließ mich, der Ablenkung wegen, in Richtung Ranis zurückrollen. Nach ein paar Metern erfasste mich der eisige Wind in voller Wucht, er fuhr direkt durch die Maschen meine Mütze hindurch. Ich versuchte die Kapuze aufzusetzen, der gierige Boreas riss sie mir sofort wieder vom Kopf – so fuhr ich, die Kapuze mit der Hand festhaltend, in schmalen Schlangenlinien zurück. An der ersten Kreuzung, beim Stein mit dem Roons-Gedicht, knüpfte ich die Kapuze zu, stellte den Sattel höher und schnaubte kräftig in ein Taschentuch. Ich schwang mich wieder auf – jetzt ging es schon besser. Zweihundert Meter weiter hielt ich und schraubte den Sattel noch ein wenig hinauf. Auch begann ich endlich die Schaltung zu nutzen, ein in Berlin beinahe ungenutztes Bauteil am Rad.

Ich fuhr durch Ranis hindurch auf die Landstraße Richtung Wernburg. Die ganze Zeit über hatte mich der Wind schon fest im Griff gehabt, ich hörte nichts anderes mehr als sein Fauchen, die ganze Stirn schien mir vereist. Zwischen Ranis und Wernburg erfasste mich dann aber eine noch steifere Brise, riss an meinen Sachen und warf sich gegen mich, auf dem Weg in eine Senke, ich ließ mich rollen, kam ich beinahe zum Stehen, so stark war der Wind. Ich vermutete gleich, das sich Joseph Kittinger so gefühlt haben musste, als er damals, 1960, von der Stratos- in die Troposphäre eintrat, also vom luftleeren Raum kommend auf einmal vom Windwiderstand hart angepackt wurde. Den Heroismus dieses Gedankens aufgreifend gab ich meinem Rad die Sporen, trat ich in die Pedale, hielt nur kurz in Wernburg, wiederum um meine Nase zu putzen, und fuhr dann weiter gen Pößneck. Ich rollte vor Kaufland ein, ich besorgte mir ein Schloss, ich tat was getan werden musste. Nach dem Einkaufen trat ich vor den Markt, die Titanenhaftigkeit meiner Leistung, die brachiale, enorme Fahrt von Ranis nach Pößneck hob sich deutlich gegen das Profane des Parkplatzes ab – Leute holten Geld, sie aßen Wurst, sie standen herum. Im Fahrradständer aber ruhten nun die Trekkingräder, schmutzig und gebraucht, gegerbt von der Witterung, schwer beladen mit Transporttaschen. Gegen diese harten Hunde, gegen diese Allwetterfahrer, diese Kulis und Transportwerktätigen war ich nur ein Bohemian auf einer Samstagsausfahrt, der sich eben noch ein Puddingteilchen im Bäcker gekauft hatte.

Überhaupt zehrte die Rückfahrt meine letzten Kräfte auf, kurz nach dem Ortsausgang Pößneck, Steigungen lagen hinter mir, spürte ich zum ersten Mal Wärme im ganzen Körper und später auch die brennenden Beine, die Feuchtigkeit in Mütze und Handschuhen. Mit letzten, schweren Tritten erklomm ich den kleinen Hügel zum Parkplatz bei Ludwigshof und Papilio, auf der Straße weiter unten bedrängten sich zwei Fahrzeuge, hupten sich gegenseitig an, versuchten und verhinderten ein Überholmanöver. Hier blitzte sie auf für einen Moment: die Leichtigkeit, die Arroganz der Fortbewegung. Die Kraft, von einem Fußdruck kommend, muss einen, auf lange Sicht gesehen, wahnsinnig machen und gierig nach mehr Geschwindigkeit, nach größeren Auspüffen, nach höheren Dezibelzahlen – ganz allgemein nach einem alles übertönenden Röhren. Ich hingegen rollte, jede Körperspannung verlierend, dann und wann die Beine baumeln lassend, über klappernde Gehwegplatten. Das nahe Bellen eines Hundes, die drohende Verfolgung, speichelspritzende Lefzen – all das konnte mir schon nicht mehr zusetzen, mich nicht mehr beschleunigen.

Als letzte Tat stemmte ich mit schwindenen Kräften das Rad und trug es, die Höhen der Stadtschreiberwohnung erklimmend, hinauf, wohl wissend, dass ich es immer und immer wieder tun, ja zu tun gezwungen sein würde.

 

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Der Stadtschreiber Wöllecke trägt sein Rad wieder und wieder hinauf (Abb. ähnlich)
Quelle: wikipedia/gemeinfrei

Was man findet

Frischen, gelben Hundeurin auf dem wasserabweisenden Lack des Gebäudesockels. Knirschende Salzkristalle auf dem Gehweg, üppig geworfen von scheinbar gewaltigen Händen. Einen rosa Puppenregenschirm, leicht verbogen im Gestrüpp hängend. Eine Tüte Pom-Bär-Chips, leer und zerrissen im schmalen Wassergraben. Ein Etikett, das sich, aus dem Schnee leuchtend, freigelegt schließlich als eine Flasche Rosenbier, Bock, erweist. Im Altglascontainer: Schnaps-, Rotkäppchenflaschen, Rotkohlgläser und Gläschen mit Resten von Kinderbrei darin. Einen Rettungsring im Vorgarten, ein Boot im Carport.

Einen Vogel kreisend über dem Feld. Katzen, die gestreichelt werden wollen. Den letzten Amerikaner in der Auslage. Zwei Budweiser-Gläser, eins größer, eins kleiner, in der Schmiede. Schafe im Schnee. Radwege ohne Räder. Wisente an den Heuraufen, Preisskatturniere, Pößneck und des Hauses beinahe vollkommene Stille am Wochenende – es ist nur noch die Uhr, die mit ihrem rettenden Ticken den Raum teilt und den schreibenden Stunden ihre Struktur gibt.

Donnerstag

Am Morgen Schneefall und Tauwetter. Nach dem Frühstück gleich Arbeit an der Wortwechsel-Kolumne, über die ich mir am Tag zuvor den Kopf zermartert habe. Die Gardinen bewegen sich leicht über der Heizung hin und her, ich sehe im Kopf schon die Sommerschlagzeile der Zeitungen: Heizkostenexplosion, Nachzahlungen wegen langem Winter.

Tagsüber etwas Lethargie, der ausgedehnte Spaziergang bringt wenig Linderung. Viele röhrende Autos, ab und zu wummernde Bässe. Richtung Ludwigshof kann das noch kahle Gehölz nicht von der Straße abschirmen. Ein Mann wirkt, als ob er über etwas sinniert, aber er wartet nur auf seinen Hund. Ein anderer Hund pieselt gegen die Hauswand – es bleiben ein paar gelbe Flecken. Wenig Leute auf dem Gehweg – die Gruß- und Freundlichkeitsquote liegt bei etwa fünfzig Prozent. Jeder zweite ignoriert mich dabei völlig. Dafür grüßt ein Mädchen mich pflichtgemäß in den Rücken. Ich bin erstaunt und grüße stammelnd zurück. Autofahrer, männliche wie weibliche, lugen offensichtlich misstrauisch hinter den Lenkrädern hervor. Hier gibt es nur starrende Blicke und keine Freundlichkeiten.

Am Wisentgehege kauen die Tiere stumm vor sich hin. Ab und zu fällt Wisentdung. Die Autos auf der kleinen Straße rauschen ungebremst vorüber, man spürt den Luftdruck der PKWs.

In der Schmiede reiche ich Hubert mein Stammglas und lasse es des Öfteren befüllen. Es geht langsam an, ich lese Zeitung und Buch, OTZ, Koeppen, Tauben im Gras, und auf die Frage nach dem Buch antworte ich: „Nachkriegsliteratur“. Man fragt mich nach dem Dreiteiler im Fernsehen, aber ich habe ihn nicht gesehen. Später noch interessante Gespräche mit Hubert und zwei Männern aus dem Stadtrat. Morgen eventuell Preisskat. Wenn ich nicht zur langen Nacht der Hausmusik fahre.

Baugrube, Atomium
Erste Aufzeichnung vor Ort

Die Nacht bringt guten, erholsamen Schlaf – am Morgen schreit wieder die Katze unter dem Fenster. Aber es geht nicht lange, ich drehe mich um und schlafe noch ein wenig weiter. Nach dem Aufwachen greife ich nach Platonow und lese in der Baugrube. Ich habe schon ein paar Anläufe unternommen, bin in der Lehmigkeit des Textes stecken geblieben. Aber nun, direkt nach der Nacht, der Kopf ist noch frei von allem außer den letzten blassen Traumbildern, komme ich zunehmend besser voran – befreunde mich mit der Absurdität, der Ziellosigkeit, der Rätselhaftigkeit des Textes; mit all der Lethargie darin, mit den fahlen und doch knisternden, eindringlichen Bildern. Die Unzugänglichkeit des Textes bewahrt sich hier ihre Wirkung, verstärkt den Reiz. So wie viele vielleicht Kafka lesen (oder ihn, weitgehend ungelesen, wohl so verstehen wollen).

Später leiere ich Gabi ein paar Tassen Kaffee aus dem Kreuz, esse serbischen Bohnensalat, Butter und erst später Haferschleim. Im Kulturradio kommt Atomium von Karl Bartos. Der Moderator verweist auf die Nähe zu Kraftwerk. Das ist mir gleich. Aber die Musik ist mir trotzdem ganz angenehm, sie fühlt sich an wie etwas ältere, klassische Überlegungen zu Science-Fiction und ich muss an Stanislaw Lem denken. Und zwischen drin an auch an den Weißen Hai oder einen ähnlichen Horrorfilm.

Bis zum Mittag Arbeit an der Erzählung, auch danach zieht es mich nochmal zum Schreiben. Anschließend folgt der beinahe tägliche Spaziergang. Ich empfinde große Ruhe oben über Ranis, höre nur das Zwitschern der Vögel und der Wind geht kräftig. Einzelne Regentropfen fallen so unregelmäßig wie der Schnee das Gras freigibt. Ein Vogel schnarrt, aber ich kann ihn nicht finden.

Der Regen nimmt zu über der großen weißen Schneefläche, ich gehe weiter und die Straße ist mehr und mehr mit kleinen, dunklen Flecken überzogen. In Richtung Stengel fällt mir auf, dass eine Straße An der Platte heißt, mir kommen natürlich gleich Plattenbauten in den Sinn, die es an dieser Stelle aber nicht gibt. Dafür eine schöne dunkle Plakette am ersten Haus, darauf in goldenen Lettern An der Platte 1. Am Ende der Runde Besorgungen: Fleischer, Post, Bäcker, Burg. Sehr nette Unterhaltungen, sehr viel Freundlichkeit, sehr angenehm – das alles hier.

Erste Notizen – leider lässt das alte Kameramodell Schärfe vermissen, ein Scanner zum Hausgebrauch ist nicht zur Hand

Erste Notizen – leider lässt das alte Kameramodell Schärfe vermissen, ein Scanner zum Hausgebrauch ist nicht zur Hand

Winter, Rückkehr

Noch in Berlin. Am Morgen starke Schneefälle. Man hat sich ja eigentlich daran gewöhnt, an dieses ewige Wechselspiel zwischen fallendem, liegendem und tauendem Schnee. Trotzdem beschließe ich, die Fahrt etwas aufzuschieben. Es nützt ja wenig, auf der Autobahn herumzustehen. Und trotzdem zieht es mich zurück nach Ranis. Der Wille zur Weiterarbeit an meiner Erzählung treibt mich schon wieder um. Und am Donnerstag ein erster, frischer Trunk aus meinem Stammglas in der Schmiede!

Mittags Fahrtantritt. Für alle Eventualitäten ist gesorgt, die Lehren sind aus allen Katastrophen- und Zombiefilmen gezogen. Ich habe Proviant an Bord (4 Scheiben Knäckebrot, zwei rote Spitzpaprika, zwei Mandarinen, einen Apfel, eine Flasche Wasser, ein Hustenbonbon), Decke, Schlafsack, Schneeschaufel, Angel im Kofferraum. Kurz hinter Berlin fallen nur noch ein paar Flocken und dann ist die Autobahn bis zur Abfahrt Triptis frei und zu großen Teilen sogar trocken. Zwischenhalt in Hermsdorf auf ein Fischbrötchen. Die Eindrücke der Jugend verblassen, vor allem seit es in der Globus-Bäckerei nicht mehr die wagenradgroßen Amerikaner mit bunten Streuseln gibt sondern nur noch die gewöhnlichen, handtellergroßen. In Pößneck esse ich eine Roster.

In Ranis auf den ersten Blick alles beim Alten. Ich parke mein Auto, hole mir etwas vom Bäcker und verpasse den richtigen Moment noch eine Runde zu drehen. Tagesende mit Schneefall, Computerbasteleien und einem kleinen Rosenpils.

Auf der Leipziger Buchmesse

Liebe Leserinnen und Leser,

da ich die nächsten Tage auf der Buchmesse bin, werden neue Einträge an dieser Stelle voraussichtlich erst am 18.3 oder 19.3. erscheinen. Wundern Sie sich also bitte nicht über meine vermeintliche Stummheit!

Herzliche Grüße

Ihr Stadtschreiber Christian Wöllecke

Traum, Schneeballwurf
Überwältigt sein, Stadtschreibergespräch

Im Traum weißer Rauch – ich stehe im entscheidenden Moment vor der richtigen Tür (es ist die Tür, die ich in der Tagesschau gesehen habe) und wundere mich selbst darüber, wie ich als Unbeteiligter so nahe vor der Türe stehen kann und selbst als das Sicherheitspersonal kommt, stellen sie sich nur neben mich. Aus der Tür kommen immer mehr Leute, aber der entscheidende Mann ist nicht dabei, erst später sehe ich ihn oder ich sehe ihn nicht, das mag der Traum nicht ganz entscheiden. Auf jeden Fall ein Mann aus Südamerika. Mal sehen, ob ich bald als neue Krake, als Raniser Stadtkrake, durchgehe. Zumindest werde ich bei Wikipedia wohl kaum als Ehrenbürger in Spanien auftauchen.

Nach kurzem, informativem Pressegespräch am Mittag im Vorfeld des Stadtschreibergespräches am Abend stapfe ich in den Hof, das Auto für die Fahrt zur Buchmesse in Leipzig freizulegen und es ist tatsächlich nicht wenig Schnee, so dass ich schließlich mit schwerem Gerät (Straßenbesen) vorsichtig zu Werke gehe (der Lack!) und erst hernach mit dem Handfeger darüber gehe mit weichem, feinen Haar. Glücklicherweise hatte ich am Montag ja die Scheiben schon freigekratzt.

Auf dem Weg zum Bäcker, der Sahnewindbeutel ist die Zigarette des Nichtrauchers, stehen zwei Jugendliche am Wegweiserrund vor Sparkasse, Burgcafé und Feuerwehr. Ich stelle fest, dass sie mich vor ein paar Tagen beim Mittagsschlaf gestört haben, da ich abwechselnd ihr Kreischen, Lachen und diverse Autohupen hörte. Auch damals lag Schnee und ich vermute auch damals warfen sie Schneebälle auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Sie gehen es recht geschickt an, wenn ein Auto langsamer fährt, fast anhält und sie gerade mitten im Wurf sind, zielen sie dynamisch darüber hinweg auf das vermeintlich harmlose Ziel einer freudigen Schneeballschlacht. Ich mahne sie nicht, denn ich bin ja nur Stadtschreiber. Zudem erinnere ich mich gut an das Jahr 94, es kann auch 93 oder 95 gewesen sein, in dem ich, selbst zu einer Gruppe gehörend, dem Schneeballwerfen zusah oder auch assistierte. Ich weiß nur noch, dass ich hinterher beteuerte, nur dabei gewesen zu sein und dann zu hören bekam: „Mitgehangen, mitgefangen.“ Es waren nämlich einige Schneebälle auf verschiedene Autos, ein Bus war auch dabei, niedergegangen, als eines der Autos anhielt, der Fahrer ausstieg und auf uns zurannte. Wir gaben Fersengeld, konnten ihn aber nicht abschütteln, gelangten in den Hof, in dem ich damals wohnte, und suchten klingelnd bei einem Nachbarn Schutz. Da hatte uns der aufgebrachte Autofahrer, ein junger Mann, schon an den Krägen und nur dem Zuspruch des Nachbarn war es zu verdanken, dass er wieder von uns abließ. Schnaubend zog er von dannen und wir warfen danach wohl keine Schneebälle mehr auf Autos. Woran ich mich aber noch gut erinnere waren die Worte des Nachbarn: „Da habt ihr Glück gehabt, dass ich hier war. Das war der amtierende Karatemeister von 94“ (oder 93, 95).

Nach den Schneefällen liegt der Himmel nun frei, changiert zwischen Blau- und Rottönen, ganz ungleichmäßig über die Fläche gegossen. Direkt über einer letzten dunklen Wolke wirkt der Himmel heller – der Schnee liegt weiß und frisch. Ich mache noch einen langen Spaziergang, wieder über Linden- und Windmühlenstraße. Der Blick reicht weit, in Richtung der Burg liegen die Farben nun geschichtet am Himmel, grau, rot, blau. In entgegengesetzter Richtung hängen noch die schweren, dunklen Wolken. Ab und an werfen die Straßenlaternen orange Lichtpunkte in den Schnee, ich gehe, bis ich etwas abseits, beim Roons-Stein, in der Dunkelheit stehe. Da überkommt mich wieder das Gefühl der Jugend, diese große gewaltige beeindruckende Einsamkeit unter dem Nachthimmel, die völlige Zufriedenheit mit den Dingen, dieses Einverständnis mit der von den Zeugnissen menschlicher Kultur völlig durchsetzen Landschaft, die am Ende doch eine Art von Natur ist.

In der Schmiede berichte ich von mir – und über die Fragen gelangen wir zu allgemeinen Fragestellungen der Kultur und des Lesens, wir reden über E-Books und den Buchhandel, es ist eine angenehme Debatte, wenig von felsenfesten Argumenten durchzogen (man könnte es, die Burg über den Köpfen, ja denken) und überhaupt ein angenehmer Abend. Es wird nicht allzu spät und auch dies gefällt mir recht gut, falle ich doch sonst schon aus dem Rahmen wenn ich gegen 3 Uhr nachts nach Hause will. Das Rosenpils habe ich schon sehr gern und ich habe keinerlei Kopfschmerzen davon, was damals in Jena, im Rosenkeller, häufig der Fall war. Und zuletzt: Mein Traum ist wahr geworden. Südamerika ist Papst. Ich weiß nicht, was ich als nächstes orakeln werde. Mit den Lottozahlen (Stand: Mittwoch) hat es wieder nicht geklappt. Aber was sollte man auch mit dem ganzen Geld anfangen?