Natur I (Beim Wisent)

Einen frischen Tipp-Schein in der Hand, hinaus aus dem Ort. Den ausgetrampelten Pfaden durch den hohen Schnee folgend, am Anfang noch Pfotenabdrücke und, dann und wann, gelber Schnee. Mit einer verblassten Erinnerung an die letzte Sommerwanderung in Ranis folge ich dem ausgetreten Pfad. Bald aber enden die frischen Spuren. Die tiefen Krater, menschliche Fußabdrücke, sind mit Neuschnee bedeckt. Gestern sind sie, nach dem Klößeessen bei Hubert, zurück nach Krölpa gelaufen oder zu den Wisenten. Danach niemand mehr, bis jetzt. Ich stapfe und rutsche in den Spuren über das Feld, bald flimmert es vor den Augen, überall Weiß und nach fünfzig Metern trüber Dunst. Kein Laut ist zu hören, außer das Tropfen der Bäume. Es taut schon wieder, der Schnee ist schwer und nass. Ein paar Mal gleite ich fast aus, ehe sich, vor einem Abzweig, die Spuren trennen. Es ist wie immer, die einen nehmen eine vermeintliche Abkürzung, die anderen gehen, warum auch immer, den anderen Weg. Jetzt sind nur noch einzelne Abdrücke auszumachen und ich versuche mich in Schrittfolge- und Länge einzupassen, ich will mich nicht durch den Schnee wühlen, der mir weit bis über den Knöchel reicht. Am Wisentgehege suche ich nach den Tieren, ich stolpere ins Tal, wo wir sie im Sommer gesehen haben. Irgendwann blicke ich auf, ich überlege einen Moment, der Schnee im Gatter ist unberührt. Spuren lesen, Spuren im Schnee, es ist so einfach, dass ich es längst vergessen habe. Ich kehre um, gehe am Spendenwisent vorbei, ich sehe schon die Pfade der Wisente und richtig, da stehen sie an der Futterraufe, atmen dampfend in die Winterluft, lecken sich das Maul mit ihrer Zunge und arbeiten das Heu hinein. Ich stehe einen Moment, bin zunächst unbeteiligt, dann pfeife, klatsche in die Hände – aber es gibt keine Reaktion. Der Bulle Nox kaut vor sich hin. Ich steige die Straße hinauf, zur Burg, die ich wegen des Nebels nicht sehen kann. Oben geht es links zur Kegelbahn, das weiß ich jetzt, nach einem weiteren Abend in der Schmiede. Ich kann vorbeikommen, sagt der Vereinsvorsitzende, am Freitag immer um 19:30 und werde dann betrunken sein. Ich sehe mich an, ich kenne mich, ja, das wäre durchaus möglich.

Pössneck, Besorgungen

Noch vor dem Amt: Der Schneeschieber. Es schneit wieder. Ich bin relativ früh auf den Beinen, Kaffee, Müsli, dann ein Buch. Später gehe ich nach unten, ich überlege im Ort einzukaufen, habe aber nur noch einen 50-Euro-Schein. Und auch wenn ich schon gesehen habe, dass durchaus mit 50-Euro-Scheinen bezahlt wird, so ist mir der Gram in kleinen Geschäften noch gegenwärtig, kenne ich es selber noch aus meiner Zeit als Kassierer, dass man ungern Kleingeld herausgibt, man die ganze Zeit versucht sich eine solide Basis an Kleingeld und kleinen Scheinen aufzubauen. Und daher ist kaum verwunderlich, dass man sich grämt, wenn da einfach jemand kommt und alles kaputt macht – das über Stunden zusammengefragte Kleingeld einfach mitnimmt und einem nur den im Tagesgeschäft beinahe nutzlosen 50-Euro-Schein lässt. Ich fege das Auto ab, ich kratze die Scheiben frei und entschließe mich dann, doch nach Pössneck zu fahren, wo im Kaufland genügend Kleingeld vorhanden sein sollte.

Schon auf dem Parkplatz wird ersichtlich, dass es ein großes Gematsche geben wird in den nächsten Tagen, der Schnee liegt nass und schwer, Pfützen und Matsch überall. Ich finde einen Einkaufswagen, in dem jemand seinen Euro vergessen hat. Ein Glücksfall, denn ich habe selber keinen mehr. Im Kaufland geht es ruhig zu, der Bereich wo sich Bäcker und Fleischer ihre Sitzplätze teilen, ist gut mit Handwerkern und Senioren gefüllt. An der Kasse werde ich, nun schon zum zweiten Mal seit Freitag, mit einer Vielzahl standardisierter Sätze im Kassiervorgang konfrontiert. Das habe ich so auch noch nicht erlebt: Während die Kassiererin die Waren über den Scanner zieht, fragt sie, ob ich alles gefunden habe, ob ich den Kassenbeleg wolle, dass ich die Glühbirne zurückbringen solle, wenn sie nicht passt und am Freitag sprach mich eine andere im Angesicht meiner EC-Karte mit „Herr Wöllecke“ an. Mich beschämt so etwas immer, es ist unangenehm formell, ich fühle mich dann immer gleich so, als würde ich einen Pelzmantel kaufen oder beim Arzt sein.

Auf dem Parkplatz verstaue ich meine Sachen, dabei eilt ein rotgesichtiger Mann in einer braunen, etwas kurzen, etwas engen Wildlederjacke mit einem schwarzen Koffer in der Hand an mir vorbei, sein Schnauzbart sitzt unter der Nase: Ja, so stelle ich mir einen hiesigen Vertreter vor! Ich hingegen eile, vom Duft gelockt zum Rosterstand und kaufe mir eine Rostbratwurst. Das ist ein angenehmes Gefühl, die Wurst in der Hand, den Bornsenf darauf, durch den Schnee zu stapfen – ich muss noch Geld holen. Ich gehe über eine kleine Brücke, am schneebedeckten Hang des kleinen Baches balancieren die Enten. An der Kreuzung sehe ich einen Wegweiser zur Altstadt und zum weißen Turm. „Ja“, sage ich mir, „gib es zu. Du hast bisher immer gedacht, der Kaufland wäre die Altstadt von Pößneck.“ Ich schiebe mich weiter durch den Matsch und beschließe den Altstadtausflug auf einen trockneren Tag zu verschieben, hole Geld (kleine Scheine) und fahre zurück nach Ranis.

An diesem Tag höre ich zum ersten Mal die Sirene der freiwilligen Feuerwehr, drei Mal, ich beschließe, meine Position mit Blick auf die Feuerwache ausnutzend, das Fenster aufzumachen und hinauszuschauen. Erst denke ich, dass dies stumpfer Voyeurismus ist, aber die anderen Fenster gehen auch auf und bald schon ist ein kleiner Schwatz im Gange. Ein paar Autos rauschen heran, ein Handwerkerfahrzeug, die Mitarbeiter vom Bauhof Ranis. Eine junge Frau mit mächtig rot gefärbtem Haar hat trotz Sirene, um Geld bei der benachbarten Sparkasse zu holen, ihr Auto vor die Feuerwehrausfahrt gestellt. Die Männer in den Fenstern lachen fassungslos. Die junge Frau kommt wieder heraus, einer hupt sie an, sie beschwert sich. Dann endlich fährt der Einsatzwagen mit Blaulicht und Sirene die Pößnecker Straße hinunter, wohin werde ich sicher erfahren, ich meine den Schmiedewirt Hubert im Tor der Feuerwehr ausgemacht zu haben.

Sonntag

Klößeessen in der Schmiede, ein willkommener kulinarischer Gruß der neuen alten Heimat. Es schmeckt, auch das Rosenpils, wie famos, dass hier noch jeder Bier trinkt zum Mittag und hinterher gibt es noch eine Götterspeise, ungefragt bekomme ich Waldmeister und bin glücklich. Danach stapfe und rutsche ich ein wenig durch die Stadt, mache ein paar Bilder, laufe die Lindenstraße hoch, mache mir ein paar geistige Vermerke, betrachte die Burg aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und laufe dann hinauf. Es ist nichts los, ich kaufe einen Ranis-Wimpel und ein Ranis-Glas, den Wimpel hänge ich ihm Wohnzimmer meiner Stadtschreiberwohnung auf. Tatsächlich war ich bei meinen bisherigen Besuchen auf Burg Ranis noch nicht im Museum, noch nicht auf dem kolossalen Bergfried. Ich hole alles nach, spreche mit Frau Francke, die im Museum Aufsicht, Konzeptionistin und alles weitere in einer Person ist. Nach Blicken auf Geologie, Mobiliar, Ritterrüstungen und Waffen steige ich empor und sehe nichts – innerhalb von einer Stunde hat es sich zugezogen, liegt trübe Weißheit über allem, ich kann vielleicht hundert Meter sehen. Ich steige hinab, verspreche wiederzukommen und laufe nach Hause. Am Abend schaue ich True Grit, das mich auf meinem Röhrenfernsehgerät weniger beeindruckt als im Kino. Vielleicht auch, weil ich müde bin und weiß, dass der Amtsbetrieb morgen in der Frühe beginnt.

Schnee(schieber)

Seit 24 Stunden Schneefall und gestern Abend zuerst das gedämpfte Geräusch der Besen, die Worte in der Wirtschaft: Der Schneeräumer kam zu spät, aber er kam. Einer im Ort hat sich auf Rasenmäherbasis den eigenen Scheepflug gebaut. Wer jetzt nach draußen geht, trifft nur noch Schneemänner, Schnäpse im Netz, Pfeffi, Weiße – Weiße, das passt zur Jahreszeit. Es ist ja schließlich noch Winter, also darf es auch Schneien. Dann in der Nacht, vor Mitternacht, fährt der Schneepflug noch einmal durch, schabt das Metall auf dem Straßenbelag und tut es wieder gegen fünf. Dann trifft auch der erste Schneeschieber auf den eisigen Grund und so geht es weiter den ganzen Tag, man sieht und hört nur Schneeschieber, es ist ein großes Geschabe und Gekratze, wie man es in der Großstadt nicht mehr kennt, wo sich niemand mehr um den Gehweg schert, wo junge oder alte, vielleicht unterbezahlte Männer auf kleinen Kehrautos über die Gehwege preschen und diese bis zur Bodenplatte reinigen müssen. (So will es das Gesetz.) Nur ab und zu ein paar Worte dazwischen eingestreut: „Ich habe oben angerufen, damit sie uns Schnee schicken“, sagt der eine mit der Brötchentüte in der Hand zu dem anderen, der mit hochrotem Kopf Schnee schiebt und mit einer große Ladung Schnee von seinem Schieber antwortet. Aber die Gespräche verstummen wieder und dann kratzt und schabt es weiter. So ist das Geräusch der Schneeschieber der Sound des Tages, für den Sound der Woche wird es kaum reichen, soll es doch in ein paar Tagen wieder tauen.

Das Abenteuer beginnt

Man hat ja so einige Vorstellungen, wenn man von Berlin nach Ranis fährt. Ich bin kein geborener Berliner, bin in Hermsdorf und Bad Klosterlausnitz aufgewachsen, kein genuiner Großstädter. Und überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Mensch der Schublade bedarf und so wie ich er sich die Opposition Mann/Frau vorstellt, so kann er auch nicht davon lassen, dass sich Stadt und Land unterscheiden, ja sich beinahe als Kontrast zueinander verhalten müssen. Ein bisschen was ist sicher dran, ein bisschen was ist immer dran, aber ob der Mensch per se ein anderer sei, ist die Frage. Und ob er sich sein Großstadtwesen angeeignet oder es nur so erhalten hat, ist strittig. Was ich mir denke ist, dass es in Ranis Menschen gibt, die es sich lohnt kennenzulernen, so wie es sich ohnehin verhält, sich verhalten sollte, mit allen Menschen.

Die Einfahrt in den Ort ist mir vetraut, nur diesmal, alles im Schnee, ich fahre zunächst an meiner neuen Heimstatt vorbei (ohne Navi), fahre über die Linden- in die Gartenstraße und weiß schon das ich falsch bin. Ein kleines Wendemanöver führt mich zurück, ich parke und entsteige dem Auto. Es schneit ein wenig, der Wind geht stark. Ich laufe zur Schmiede, mich nach Frau Francke zu erkundigen. Die Telefonnummer verweigert nämlich ihren Dienst. Ab 18 Uhr ist auf, lese ich, aber der Schlüssel steckt und ich klopfe, Hubert ruft, ich gehe hinein, gleich ist das Telefonbuch da und mir wird geholfen. Ich stapfe zurück (später noch ein Pils, „Ab achtzehn Uhr ist auf“, ruft Hubert), ich telefoniere mit Herrn Francke und sehr hilfsbereit vermittelt er mich an seine Frau, wir treffen uns vor der Stadtschreiberwohnung, wir gehen nach oben, ich laufe mit ihr herum, sehe und sehe noch nicht, wir unterhalten uns, ich nehme die Größe der Wohnung wahr (100 qm klingt ja immer abstrakt), bin beeindruckt. Bewohnt und unbewohnt wirkt die Wohnung zugleich, charmant, antiquiert, überholt. Im Bad schaue ich mir den Warmwasserschalter an: VEB AVANTI Dresden. Ich trage meine Sachen hinauf, ich gehe zum Bäcker, kaufe einen Pfannkuchen und eine Schweineohr (ich weiß für einen Moment nicht, ob ich eine Schweine- oder ein Schweinsohr bestellen soll, ich erkläre dies der Verkäuferin, sie lacht und sagt: „Schweineohr, Schweinsohr. Ich versteh sie schon.“ Dann koche ich Kaffee, lese ein wenig, erinnere mich an den Plan, den Arbeitsplan, den ohne solchen geht es nicht und hämmere in die Tasten. Hier, tak tak tak, haben wir eine Zeitdeckung. Das Schweineohr und der Pfannkuchen sind hervorragend. So wünsche ich mir Backwerk und schaue gleichzeitig trübe und unzufrieden auf meinen Bauch. Denn dünner wird man nicht von alleine, dicker dagegen scheinbar schon.

Erster Abend in der Schmiede: St.: PPPP 3,50.