Der Falke und die Erlebnis-Gastronomie

Ich war beschäftigt mit dem Entstehen des Buchs. Zuhause in München. Im Zug durch Thüringen. Im Taxi.
Aus dem Wagen direkt in die Burg. Ich stand reglos im Dachzimmer. Vor vielen Jahren war ich einmal für kurze Zeit eingesperrt gewesen und seitdem finde ich mich gerne in ähnlichen Situationen wieder. In Verliesen und Verstecken.
Ich ging im engen Raum der Burgwohnung auf und ab und dachte, dass ich durchdrehen würde, wie Jack Torrance in „Shining“. Dann hörte ich unheimliche Geräusche auf dem Dachboden. Poltern. Schnell, absperren, den schweren Sessel an die Tür schieben. Und sich in den Schlaf trinken.
Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ein Falke aus seinem Versteck unter dem Dach nicht mehr den Weg in die Freiheit fand. Er ließ sich helfen, weil er erschöpft war…

Verkatert, folge ich ihm, traue mich hinaus. Es gibt doch Menschen hier in Ranis. Nicht nur Katzen, Falken und Pflastersteine. Eine Frau stellt einen Kuchen vor mich hin und sagt, dass wenn ein Pärchen – egal was für ein Pärchen – sich in ihr Café setzt, entweder heiraten oder ein Kind bekommen wird.
Ein paar Meter weiter gibt uns ein Mann Thüringer Klöße und „Schmiede-Feuer“. Ich darf das Licht in seiner Kneipe anmachen, mich dabei zurechtweisen lassen und das Kofferradio einschalten, während der Falke mit einem Flügelschlag leere Bierkrüge vom Tresen fegt. Danach nimmt uns der Mann zum Feuerwehrfest mit. Ich trinke Bier, höre den Geschichten über das Verlies in der Burg zu und starre das Feuer an. Der Falke schläft auf meiner Schulter.

Am nächsten Morgen gehe ich durch den Wald spazieren und stolpere über einen Wisent. Der Falke fliegt weg. Alles ist still. Ich habe den Weg nach oben gefunden.

Das Labyrinth und der Melonenhut

Es roch nach einem Zitruspflanze-Putzmittel. Von der Decke hing eine Glühbirne. Die Wände waren grau und sauber. Es waren Konturen und Buchstaben eingeritzt worden, es hatte Zeichnungen gegeben, aber sie waren ausgebleicht und fast unkenntlich gemacht worden. Die Tür war ebenso grau und blank gescheuert und umrahmt von achtundzwanzig Schrauben. Keine Schlitze in den Schraubenköpfen. Der Boden mit Wasser bedeckt. Durchsichtig, sauber. Meine Schuhe waren durchnässt. Ich zog sie aus und legte mich auf die Holzbank. Mein Rücken entspannte sich, endlich würde ich einschlafen. Die Glühbirne flackerte und ich bedeckte die Augen mit dem Arm. Seit zehn Stunden in Einzelhaft. Das Trinkwasser würden sie mir bald bringen, hatte der Soldat mit der Glatze gesagt. In die metallene Toilettenschüssel in der Ecke konnte ich mich entleeren. Sie war zerbeult und verrostet. Aber kein Geruch. Der Raum wirkte harmlos. Ich dachte an nichts.

Nach zwei Stunden kam der Soldat mit dem Melonenhut rein und sagte, dass die Einzelhaft beendet war und dass meine Frau draußen auf mich wartete. Er erlaubte mir, mich zu rasieren und gab mir, zu meiner eigenen schäbigen Kleidung, ein neues Sakko, eine Krawatte und einen Melonenhut. Ich zog mich schnell an und achtete darauf, dass so wenig Falten wie möglich zu sehen waren. Ich versuchte, eine tapfere Grimmasse aufzusetzen, damit meine Frau sich so wenig Sorgen wie möglich machte wegen den blauen Flecken in meinem Gesicht und wegen der entstellten Hand. Ich übte, zwinkerte dem Spiegelbild immer wieder zu. Die zwei Militärpolizisten begleiteten mich schweigend zum Ausgang, durch die langen, vermüllten Korridore. Wir schienen im Kreis zu gehen, immer und immer wieder durch die gleichen Gänge, die sich allmählich zu einem Labyrinth verflochten. Der Durchzug fegte über den Boden und warf uns Staub in die Augen. Ich machte mir Sorgen wegen meinem Anzug. An der Ausgangstür angekommen, sagte der glatzköpfige Militärpolizist, dass er es sich anders überlegt hatte. Diesen Prozess machte ich in den nächsten Stunden drei Mal durch, und jedes Mal glaubte ich bis zum letzten Moment, sie würden mich entlassen. Beim dritten Mal teilte mir der Militärpolizist mit dem Melonenhut, als ich das Sakko zurückgeben musste, dass meine Frau im Krankenhaus lag.

Das Fenster, die Flucht

Die zwei Männer ließen sich auf die Couch fallen.
„Wir genehmigen uns noch ein Gläschen, du packst deine sieben Sachen.“
Ich ging ins Bad, schloss langsam die Tür hinter mir und versuchte, den Vorhang am Fenster zur Seite zu ziehen. Aus dem Wohnzimmer ertönten singende Stimmen. Meine vergipste Hand verfing sich im dünnen Stoff. Ich riss ihn herunter, sprang aus dem Fenster und rannte zwischen stillen Häusern in den Wald. Ich kletterte auf eine Eiche und wartete. Niemand schien mir zu folgen, alle Fenster am Waldrand schwarz und unbeweglich. Irgendwann wurde mein Atem ruhiger und ich hörte einen Specht, der begann, sich den Weg durch das Rauschen der Blätter hindurch zu hacken.

Nach einer Stunde kletterte ich herunter. Die Hand tat mir weh, der Gips war an mehreren Stellen aufgeplatzt. Und mein Fußgelenk war geschwollen, bot keinen verlässlichen Halt. Bald sah ich einen Bach und versenkte den verletzten Fuß hinein. Die zwei Männer standen schweigend vor mir.

Der Weihnachtsmann und das Schneewittchen

Als ich mein Zimmer betrat, erblickte ich zwei Männer in langen Mänteln. Einer von ihnen, unter dessen Melonenhut lockiges Haar hervorquoll, hielt inne und sah mich an.
„Oh, wen haben wir denn da? Einen nächtlichen Spaziergänger!“
„Einen kräftigen, waffenfähigen Mann!“, ergänzte der andere, der eine Glatze trug.
„War bestimmt mit seinem Hundi Gassi.“
„Aber wo ist der Köti? Verschwunden? Vergiftet? Fifi, wo bist du?“
Der Langhaarige winkte mich zu sich. Ich hätte wenigstens versuchen können wegzurennen. Aber ich ging auf sie zu. Ihre Silhouetten erglühten, umrahmt vom Licht der Tischlampe.
„Einen aufrechten Gang hat er!“
„Kampffähige junge Männer sind überall, bloß nicht an der Front, wo sie hingehören.“
„Warst du in der Armee?“, fragte der Mann mit der Glatze. Er lallte ein wenig. Die nassrasierte Haut über seinen Ohren schimmerte, bedeckt von winzigen Schweißperlen.
„Nein.“
„Dann bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit dafür“, sagte der andere.
„Seine Hand ist vergipst, schau!“
„Aber der Zeigefinger ist frei, das reicht.“
„Stimmt. Wir haben diesen einen Spasti, du weißt schon. Wenn der mit seinen zuckenden Händen den Karabiner packt, verwandelt er ihn in ein Maschinengewehr.“
„Die ganze Nacht kein einziger Rekrut zu finden, nirgendwo. Egal wo wir geklingelt haben.“
„Aber sehr höfliche Mütter und Schwestern, haben uns jedes Mal etwas zum Trinken angeboten.“
„Und hübsch sind sie.“
„Genau!“
„Aber die männlichen Bewohner: keiner da, gerade unterwegs, zu Besuch, in der Disco, beim Bowlen und so weiter. Komisch, oder? Die meisten sind bestimmt über die Grenze und – fiu!“
Der mit dem Hut machte eine schlängelnde Geste mit der Hand.
„Nach Deutschland, nach Holland, nach Schweden. Schwarzarbeit, kriminell werden und Ähnliches. Das geht auch nicht, oder?“
„Wir müssen heute Nacht jemanden mitnehmen, sonst wird unser Kommandant… ungehalten.“
Sie lachten.
Ungehalten!“
„Wir mussten uns sogar verkleiden, damit nicht alle weglaufen, wenn sie uns sehen.“
Der Mann mit dem Hut öffnete seinen Mantel und gewährte mir einen Blick auf die dunkelgrüne Uniform, in deren Mitte eine Reihe von Metallknöpfen aufblitzte.
„Hast du jemals Offiziere in solcher edlen Aufmachung gesehen?“, fragte der andere – „Alles fürs Vaterland! Morgen sind wir als Weihnachtsmann und Schneewittchen unterwegs!“
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ein wenig Kasernenleben, der Staat kümmert sich um alles, Essen und Bett umsonst, man kann dabei sogar etwas verdienen.“
„Genau. Ein wenig Krach machen, Erfahrungen sammeln. Danach findest du einen guten Job.“
„Wo denn? Beim Sicherheitsdienst?!“, lachte sein Kamerad.
„Sch, halt’s Maul, du Idiot!“, schmunzelte der andere und legte sich den Zeigefinger an die Lippen. Dann klopfte er mir auf die Schulter –
„Komm, wir helfen dir. Wir holen deine Zahnbürste und deinen Teddy, und trinken einen auf deine Gesundheit.“
Ich sah mich um. Teppich, Stuhl, Bett – auf einmal erschien mir alles unbekannt, als wäre ich nicht im eigenen Zimmer. Der mit der Glatze sang leise ein Turbofolk-Lied:
„Geh, solange du noch jung bist, solange du noch Zeit für den Fluss der Veränderungen hast, für den Flug und für den Fall, für das Morgen und für das Jetzt. Geh solange du jung bist, heute Nacht, wenn die Gäste weg sind, geh, ich lasse dich los, ich segne dich und gebe dir deine Freiheit, weil wir kaputt sind…“

Ich höre auf zu tippen und strecke mich. Pause. Ich gieße mir Kaffee ein, schaue aus dem Fenster auf das Dach gegenüber. Zwei Krähen stehen schweigsam nebeneinander. Der Laptop piept, eine Mail ist angekommen. ‚Sie haben sich mit Ihrem Manuskript für das Raniser Debüt beworben. Nach ausgiebiger Prüfung und Diskussion aller eingereichten Beiträge dürfen wir Ihnen mitteilen, dass die Jury Ihren Text für das Raniser Debüt ausgewählt hat.‘
! ! !
Ich springe auf den Flur, tanze im Kreis und spiele Luftgitarre, singe das Riff von ‚Smells like teen spirit‘. Mein neunjähriger Sohn verlässt das Bad und sieht mich entsetzt an.
„Wenn einer von meinen Freunden dich jetzt sehen würde… Dann hätte ich keine Freunde mehr. Keiner würde er uns je wieder besuchen“.
Aber als ich das letzte Riff ausklingen lasse und ihm erzähle, dass ein erfahrener Lektor mich bei der Entwicklung meiner Romangeschichte begleiten würde und dass ich im nächsten Sommer für zwei Monate eine Wohnung in einer Burg beziehen könnte, ruft er begeistert aus –
„Wir machen Ferien auf einer Burg!“
Ich küsse ihn und stürze mich in die Arbeit:
„Komm, gehen wir. Wir holen deine Sachen und trinken einen auf deine Gesundheit“, sagte der Mann mit dem Melonenhut und klopfte mir auf die Schulter. Ich brachte drei Gläser und stellte eine Flasche Sliwowitz auf den Tisch. Wir stießen an.

Ein neuer Tag, ein neuer Blogger!

Den Raniser Stadtschreiber gibt es nicht mehr.

An seine Stelle ist eine neue Autorenförderung getreten: das Raniser Debüt, das speziell für Newcomer auf der literarischen Bühne zugeschnitten ist. Im Frühjahr 2014 wurde das „Raniser Debüt“ erstmals vom Lese-Zeichen e.V. ausgeschrieben. Teilnehmen konnten alle Autoren, die noch keine eigenständige Veröffentlichung vorzuweisen haben. Gestiftet wird das „Raniser Debüt“ von der Kreissparkasse Saale-Orla.

Denijen PauljevicWegen der beachtlichen Qualität der eingereichten Arbeiten konnte sich die Jury erst nach ausführlicher Diskussion auf einen Sieger einigen. Ausgewählt wurde Denijen Pauljevic für sein Manuskript „Der Wundenleser“. Die Geschichte spielt auf einer Militärbasis, wo Soldaten auf ihren Kriegseinsatz vorbereitet werden. Das Thema beschäftigt den in Belgrad geborenen Autor auch aus persönlichen Gründen. Denijen Pauljevic flüchtete während der Balkankriege nach Deutschland und lebt heute in München.

In den kommenden Monaten wird Denijen Pauljevic zusammen mit einem erfahrenen Verlagslektor an dem Manuskript arbeiten. Anschließend wird der Text als Buch publiziert.

Denijen Pauljevic wird außerdem den Blog an dieser Stelle fortsetzen.

neue Rollen

Meines Bruders Freundin und er sind ja nun schwanger. Heute bekam ich einen ersten Vorgeschmack auf meine neue Rolle:

Links ein Falschparker mit Warnblink (Falschparker, weil er ein Knöllchen hatte), rechts zwei gelbe Tonnen, dazwischen übriggebliebener Gehweg. Mir entgegen ein Vater mit Kinderwagen, eine Mutter mit Kind an der Hand.
Ich warte auf der anderen Seite.
Die Mutter zum Kind so: „Schnell durch.“
Das Kind so: „Warum denn?“
Die Mutter so: „Weil der Onkel weiter will.“
Der Onkel, das war dann wohl ich.

auf der Jagd

Joggen gewesen auf Feldwegen zwischen Ranis und Ludwigshof, schon auf dem Rückweg befindlich. In der Hand den Schlüsselbund, der in der Hosentasche störend klimbimpelt. Ein Rehbock aus niedergemähtem Feldbau hervor: aufschauend, kopfwendend, erblickend, davonjagend. Die Sprünge unter mir wie beflügelt, mit vorgestreckter Brust und festem Blick und rechts davon, quer dem Feldweg, das aufgescheuchte Tier gen Flucht vor dem blutdruckbe-uhrten, aeroben Läufer in prähistorischem Pathos. Weit ausholend und den Schlüssel ins Schloss und aus dem Kühlschrank ein Proteindrink, so fläzt sich der Jäger in seinen Sessel, mit Lamafell bezogen, und schlürft.

(Joggen, Rehbock und Blutdruck sind Dichtung, aber das Lamafell ist schön weich und der Drink mit Erdbeergeschmack.)

Stadtschreibergespräch am 23. August

Übermorgen gibt’s zwei neue Texte von mir: 20 Uhr zur Schmiede. Ich hab mich auch mal wieder im Dichten probiert und das kam dabei raus:

 

Nur auf ein Wort

Nur auf ein Wortlein habe er
und von gar weitem Lande her
sich eingefunden, es zu sagen,
und sagt’s,
und dank’- und bittesehr
(noch mehr aus Anstand denn Betragen)
von links nach rechts, von hin nach her.

Da geht ein Flüstern durch die Reihen,
„Sie mögen mir die Frag’ verzeihen:
Was war das Wort, das er gesagt?“
„Das hab ich auch schon rumgefragt!“
Und wie es laute, was er kaute,
was er verlispelt-schluckt-schmatzt-saute!
Trotzdem die Jubelrufe branden,
man schaut nach links, man schaut nach rechts:
Es hat kein Mensch das Wort verstanden.

Der Wortgereiste auf der Bühne
verbeugt sich, edler Dichterhüne!,
er beugt sich so tief, ohne Mist!,
dass er die eignen Schuhe küsst.
So kennt er es, er kennt sich aus:
zum einen rein, zum andern raus,
nur auf ein Wort, und dann:
Applaus.