neue Rollen

Meines Bruders Freundin und er sind ja nun schwanger. Heute bekam ich einen ersten Vorgeschmack auf meine neue Rolle:

Links ein Falschparker mit Warnblink (Falschparker, weil er ein Knöllchen hatte), rechts zwei gelbe Tonnen, dazwischen übriggebliebener Gehweg. Mir entgegen ein Vater mit Kinderwagen, eine Mutter mit Kind an der Hand.
Ich warte auf der anderen Seite.
Die Mutter zum Kind so: „Schnell durch.“
Das Kind so: „Warum denn?“
Die Mutter so: „Weil der Onkel weiter will.“
Der Onkel, das war dann wohl ich.

auf der Jagd

Joggen gewesen auf Feldwegen zwischen Ranis und Ludwigshof, schon auf dem Rückweg befindlich. In der Hand den Schlüsselbund, der in der Hosentasche störend klimbimpelt. Ein Rehbock aus niedergemähtem Feldbau hervor: aufschauend, kopfwendend, erblickend, davonjagend. Die Sprünge unter mir wie beflügelt, mit vorgestreckter Brust und festem Blick und rechts davon, quer dem Feldweg, das aufgescheuchte Tier gen Flucht vor dem blutdruckbe-uhrten, aeroben Läufer in prähistorischem Pathos. Weit ausholend und den Schlüssel ins Schloss und aus dem Kühlschrank ein Proteindrink, so fläzt sich der Jäger in seinen Sessel, mit Lamafell bezogen, und schlürft.

(Joggen, Rehbock und Blutdruck sind Dichtung, aber das Lamafell ist schön weich und der Drink mit Erdbeergeschmack.)

Stadtschreibergespräch am 23. August

Übermorgen gibt’s zwei neue Texte von mir: 20 Uhr zur Schmiede. Ich hab mich auch mal wieder im Dichten probiert und das kam dabei raus:

 

Nur auf ein Wort

Nur auf ein Wortlein habe er
und von gar weitem Lande her
sich eingefunden, es zu sagen,
und sagt’s,
und dank’- und bittesehr
(noch mehr aus Anstand denn Betragen)
von links nach rechts, von hin nach her.

Da geht ein Flüstern durch die Reihen,
„Sie mögen mir die Frag’ verzeihen:
Was war das Wort, das er gesagt?“
„Das hab ich auch schon rumgefragt!“
Und wie es laute, was er kaute,
was er verlispelt-schluckt-schmatzt-saute!
Trotzdem die Jubelrufe branden,
man schaut nach links, man schaut nach rechts:
Es hat kein Mensch das Wort verstanden.

Der Wortgereiste auf der Bühne
verbeugt sich, edler Dichterhüne!,
er beugt sich so tief, ohne Mist!,
dass er die eignen Schuhe küsst.
So kennt er es, er kennt sich aus:
zum einen rein, zum andern raus,
nur auf ein Wort, und dann:
Applaus.

 

 

 

träume irgendwie

RANIS

In Ranis geträumt, in Jena geschrieben

Wenn du schlafen gehst und dein letzter Gedanke davor und dein erster danach, hat mir Julia gesagt, dann weißt du, dass du verliebt bist.

Aber gestern hab ich nicht an dich gedacht, ich habe „Die Schatzinsel“ gelesen, wieder und wieder denselben Absatz und erneut und Augen zu und wo gewesen und bis ich merkte, dass ich müde bin, da legte ich das Buch lichtausknipsend beiseite. Ich weiß nicht woher, zumal ich dich einen Monat oder so nicht gesehen habe, aber dann bist du in meinem Traum aufgetaucht. Du hast dich geniert, aber wir haben uns geküsst, zweimal, das hab ich nicht nur geträumt, das hab ich gefühlt, und du hattest eine Kurzhaarfrisur. Die hat mir nicht so gut gefallen wie dein eigentliches Haar, aber ich dachte mir, das sei nicht der richtige Moment. Zumal wir uns geküsst haben, zum ersten Mal, was ja auch langsam mal Zeit wurde, denke ich und – aber du?, wer weiß das schon und wie herausfinden, ohne Mut zu wagen? Ich war froh, als ich erwachte, der Traum klang nach. Und da ich auch wusste, dass ich träume, während ich träumte – diese Frisur! –, tat es nicht weh, den Traum als solchen auszumachen. Manche Träume sind irgendwie, und manche sagen. Dieser sagt.

Als ich wach war, dachte ich an dich, aber während ich dies schreibe, denke ich an den Traum. Er sagt, es ist an der Zeit zu erwachen.

 

PS: Ach so, ich meine nicht Julia. Das könnte man ja denken wegen der Grammatik, ist aber nicht so. Das ist ihr Name, also von der, die mir das mit dem ersten und letzten Gedanken gesagt hat. Das war eine schöne Aussage und darum ist sie drin, und auch unterm richtigen Namen, weil bei schönen Sachen darf man den verwenden. Aber Julia ist nicht gemeint. Julia ist auch okay, aber sie ist “bloß” eine Freundin.

Mittagessen & Bilderrätsel

JENA

Wenn du zum Mittag ausgehst und du bist gut drauf, weil du hast schon einiges geschafft, und du quatschst so rum mit den andern am Tisch und von dem Jacobsweg nach Prag und dem Vereinsleben in der Literatur und ob das Café denn keinen zweiten Sonnenschirm für die Terrasse habe, aber da gibt es einen, ebenso einer der unsrigen und auch am Tisch, der stenkert immer so rein, immer wieder, z.B.: er selbst wolle ja nicht mitkommen nach Prag, wenn du mitkämst, und das mit dem zweiten Schirm müsstest du wissen können, du seist ja nicht zum ersten Mal hier, und wie dumm die Frage sei; und irgendwann reicht es dir und du sagst – und das sagst du ihm, ohne ihn anzuschauen –, so, sagst du, für mich ist Frederic (der Besagte, pseudonymisiert) ab jetzt unsichtbar, bis er etwas Liebes sagt.

Und dann wendest du dich deinem linken Sitznachbarn zu und redest mit ihm und weißt gar nicht mehr im Nachhinein, worüber, aber im Hintergrund hörst du noch so, wie Frederic erwidert: Wenn du wüsstest, wie wenig ich mir daraus mache.

Aber dann nichts mehr. Dann gar nichts mehr, kein Wort von seiner Seite, 15 Minuten am Tisch.

Wenn so was, dann merkst du: Ja, Menschen, irgendwie: lustig, & faszinierend.

RANIS

Anfang Mai war ich in Ranis und bin viel herumgelaufen, unter anderem traf ich Herrn Gliesing, als er gerade die Wisente fütterte, und scheiterte erneut an dem Versuch, im Barockschloss Brandenstein einen Kaffee zu trinken – anscheinend haben sie richtig dicht gemacht. Bei Hubert habe ich das erste Mal Pferd gegessen und beim Bierholen den Keller kennengelernt, der ortdentlich größer ist als erwartet. Außerdem hab ich die Damentoilette besichtigt, aus literarischen Gründen versteht sich.

Für euch hab ich auch was mitgebracht, ein Rätsel, wer’s weiß, darf’s sagen: Wo wurde folgendes Foto geschossen?

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Stadtschreiberwechsel!
23.10, Schmiede Ranis

Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist es soweit. Ein Jahr ist um, am 23.10. stelle ich in Ranis, in der Schmiede, meinen Band Einer muss der Uke sein vor, der sehr von meiner Raniser Zeit beeinflusst ist. Gleichzeitig damit erfolgt natürlich mein Abschied und die Begrüßung des neuen Stadtschreibers. Ich freue mich auf Ihren Besuch.

In eigener Sache möchte ich noch hinzufügen: Ich lese am Sonntag, 27.10. in Jena im Kunsthof bei der Lautschrift und werde auch dort nochmal den Band präsentieren.

Mit den besten Grüßen
Christian Wöllecke

Abschied II

Mit dem Ende meiner Anwesenheit stelle ich auch die Arbeit am Blog ein. Ich danke allen Leserinnen und Lesern, insbesondere allen Kommentierenden für die interessierte Begleitung des Blogs vom Winter- bis zum Sommerende. Ab und an werden sich hier noch Ankündigungen finden und dann sicher auch neue Texte, wenn erst der oder die neue Stadtschreiberin die Heimstatt bezogen hat.

Ich hatte eine schöne, produktive und aufschlussreiche Zeit in Ranis.

Herzlichen Dank und viele Grüße,

Christian Wöllecke

Abschied I

Leute

Eigentlich war hier nichts anders. Natürlich, die älteren Leute grüßten, genau wie die Kinder. Und wenn man sich Mühe gab, war beinahe jeder grüßbar. An der Schießbude flogen die Scheiben weg, gab es kleine Autos zu gewinnen. Das Softeis floss in die Tüten, in die Münder, auf den heißen Asphalt. Oft stand ich dabei, gelehnt an Schildpfosten und Mauern, gestützt auf Biertischgarnituren und Stehtische, schob mich für ein paar Momente in die Umlaufbahnen, flog ein Stück mit, ehe ich wieder ausschwenkte. Ging ich mit Hut und Bart durch die Gassen, hier und dort grüßend, kam manchmal ein schmales, wissendes Lächeln zum Vorschein, oft genug aber auch ein irritierter Blick. Der Fremde, zumal der grüßende Fremde, fällt auf in Ranis. Man sitzt in der Wirtschaft, man sitzt zu Hause, es wird noch mächtig geraucht. All diese lang andauernden Diskussionen, das Zögern und Zaudern in den großstädtischen Universitäten zerschlug sich hier ganz unmittelbar. Ich kannte das schon, es überraschte mich nicht, hatte ich doch selbst das ein oder andere Mal in Hermsdorf in der Gastwirtschaft gesessen, Stiefel und Schnäpse getrunken. Und hatte mich auch einmal mit Koeppens Tauben im Gras in die Schmiede gesetzt, das war, als Unsere Mütter, unsere Väter erstausgestrahlt wurde, darauf kamen wir, des Buches wegen. Aber ich konnte mich bald nicht mehr darauf konzentrieren – verlor mich in der Leichtigkeit der Sinne, nach dem vierten Bier vermutlich. Das goldene Korn in den Gläsern.

 

Land

Das goldene Korn auf den Feldern. Und noch mehr. Wanderungen durch die rauschenden Wälder, hinab und wieder hinauf. Überall: Ausblicke. Ausfahrten. Unmittelbar in der Kulturlandschaft, in dieser selbst geschaffenen Natur zu sein. Einsamkeit zu finden, ohne längere Suche. Der Geruch der Kamillefelder – würzige, schwere Luft nach dem Regen, am Ende einer langen Trockenheit. Doch fand ich nur noch wenig Trost in der Natur, war es, wenn überhaupt, eine Flucht auf Zeit. Nicht zu vergleichen mit den einsamen Nächten der Jugend unter dem unendlichen, verweinten Sternenhimmel. Ich wollte immer wieder zurück unter Menschen.

 

Ich

Als ich ankam, 120 Tage Aufenthalt vor mir, wogte die Ungewissheit: würde ich in dieser Zeit zu Schreiben schaffen, würden brauchbare Texte entstehen? Stadtschreiber in Ranis zu sein, stellte eine neue Ernsthaftigkeit des Schreibens dar, der ich mich bald völlig verschrieb. Dann, ich hatte von Sergei Tretjakow gehört und Peter Weiss gelesen, reifte eine neue Idee in mir. Durch die Lande zu streifen, überall mit anzupacken und nebenbei die Literatur auszusäen, in die Köpfe. Ich erinnerte mich an die Reportagen, an die Arbeiterliteratur, die ich gelesen hatte. Eine Weile beseelte mich diese Idee, bis sie am Widerstand der Sturköpfe und meiner eigenen, der körperlichen, harten Arbeit entfremdeten Lebensweise, scheiterte. Ich brauchte eine Weile, um mich darauf zu besinnen, dass es mir zunächst gar nicht darum gegangen war, dass ich vor allem schreiben wollte. Ich begriff, dass nichts dagegen sprach, als Stadtschreiber ein Kammerschreiber zu sein, dass die Leute nicht erwarteten, mich draußen zu sehen, es also nicht wirklich erwarteten, nur ganz diffus, in einem gemeinsamen Tenor, wie man eines Lottogewinns harrt, sich über die Politik beschwert oder darauf hofft, dass es ein todkranker Mensch am Ende doch noch schafft, weiterzuleben. Und so fand ich, nach einiger Unruhe und Verzweiflung, in die Gemächlichkeit des Seins, des Schreibens, zurück, brachte alles zu Papier, verwarf auch einiges. – Nun ist alles abgegeben.