Das Fenster, die Flucht

Die zwei Männer ließen sich auf die Couch fallen.
„Wir genehmigen uns noch ein Gläschen, du packst deine sieben Sachen.“
Ich ging ins Bad, schloss langsam die Tür hinter mir und versuchte, den Vorhang am Fenster zur Seite zu ziehen. Aus dem Wohnzimmer ertönten singende Stimmen. Meine vergipste Hand verfing sich im dünnen Stoff. Ich riss ihn herunter, sprang aus dem Fenster und rannte zwischen stillen Häusern in den Wald. Ich kletterte auf eine Eiche und wartete. Niemand schien mir zu folgen, alle Fenster am Waldrand schwarz und unbeweglich. Irgendwann wurde mein Atem ruhiger und ich hörte einen Specht, der begann, sich den Weg durch das Rauschen der Blätter hindurch zu hacken.

Nach einer Stunde kletterte ich herunter. Die Hand tat mir weh, der Gips war an mehreren Stellen aufgeplatzt. Und mein Fußgelenk war geschwollen, bot keinen verlässlichen Halt. Bald sah ich einen Bach und versenkte den verletzten Fuß hinein. Die zwei Männer standen schweigend vor mir.

Der Weihnachtsmann und das Schneewittchen

Als ich mein Zimmer betrat, erblickte ich zwei Männer in langen Mänteln. Einer von ihnen, unter dessen Melonenhut lockiges Haar hervorquoll, hielt inne und sah mich an.
„Oh, wen haben wir denn da? Einen nächtlichen Spaziergänger!“
„Einen kräftigen, waffenfähigen Mann!“, ergänzte der andere, der eine Glatze trug.
„War bestimmt mit seinem Hundi Gassi.“
„Aber wo ist der Köti? Verschwunden? Vergiftet? Fifi, wo bist du?“
Der Langhaarige winkte mich zu sich. Ich hätte wenigstens versuchen können wegzurennen. Aber ich ging auf sie zu. Ihre Silhouetten erglühten, umrahmt vom Licht der Tischlampe.
„Einen aufrechten Gang hat er!“
„Kampffähige junge Männer sind überall, bloß nicht an der Front, wo sie hingehören.“
„Warst du in der Armee?“, fragte der Mann mit der Glatze. Er lallte ein wenig. Die nassrasierte Haut über seinen Ohren schimmerte, bedeckt von winzigen Schweißperlen.
„Nein.“
„Dann bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit dafür“, sagte der andere.
„Seine Hand ist vergipst, schau!“
„Aber der Zeigefinger ist frei, das reicht.“
„Stimmt. Wir haben diesen einen Spasti, du weißt schon. Wenn der mit seinen zuckenden Händen den Karabiner packt, verwandelt er ihn in ein Maschinengewehr.“
„Die ganze Nacht kein einziger Rekrut zu finden, nirgendwo. Egal wo wir geklingelt haben.“
„Aber sehr höfliche Mütter und Schwestern, haben uns jedes Mal etwas zum Trinken angeboten.“
„Und hübsch sind sie.“
„Genau!“
„Aber die männlichen Bewohner: keiner da, gerade unterwegs, zu Besuch, in der Disco, beim Bowlen und so weiter. Komisch, oder? Die meisten sind bestimmt über die Grenze und – fiu!“
Der mit dem Hut machte eine schlängelnde Geste mit der Hand.
„Nach Deutschland, nach Holland, nach Schweden. Schwarzarbeit, kriminell werden und Ähnliches. Das geht auch nicht, oder?“
„Wir müssen heute Nacht jemanden mitnehmen, sonst wird unser Kommandant… ungehalten.“
Sie lachten.
Ungehalten!“
„Wir mussten uns sogar verkleiden, damit nicht alle weglaufen, wenn sie uns sehen.“
Der Mann mit dem Hut öffnete seinen Mantel und gewährte mir einen Blick auf die dunkelgrüne Uniform, in deren Mitte eine Reihe von Metallknöpfen aufblitzte.
„Hast du jemals Offiziere in solcher edlen Aufmachung gesehen?“, fragte der andere – „Alles fürs Vaterland! Morgen sind wir als Weihnachtsmann und Schneewittchen unterwegs!“
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ein wenig Kasernenleben, der Staat kümmert sich um alles, Essen und Bett umsonst, man kann dabei sogar etwas verdienen.“
„Genau. Ein wenig Krach machen, Erfahrungen sammeln. Danach findest du einen guten Job.“
„Wo denn? Beim Sicherheitsdienst?!“, lachte sein Kamerad.
„Sch, halt’s Maul, du Idiot!“, schmunzelte der andere und legte sich den Zeigefinger an die Lippen. Dann klopfte er mir auf die Schulter –
„Komm, wir helfen dir. Wir holen deine Zahnbürste und deinen Teddy, und trinken einen auf deine Gesundheit.“
Ich sah mich um. Teppich, Stuhl, Bett – auf einmal erschien mir alles unbekannt, als wäre ich nicht im eigenen Zimmer. Der mit der Glatze sang leise ein Turbofolk-Lied:
„Geh, solange du noch jung bist, solange du noch Zeit für den Fluss der Veränderungen hast, für den Flug und für den Fall, für das Morgen und für das Jetzt. Geh solange du jung bist, heute Nacht, wenn die Gäste weg sind, geh, ich lasse dich los, ich segne dich und gebe dir deine Freiheit, weil wir kaputt sind…“

Ich höre auf zu tippen und strecke mich. Pause. Ich gieße mir Kaffee ein, schaue aus dem Fenster auf das Dach gegenüber. Zwei Krähen stehen schweigsam nebeneinander. Der Laptop piept, eine Mail ist angekommen. ‚Sie haben sich mit Ihrem Manuskript für das Raniser Debüt beworben. Nach ausgiebiger Prüfung und Diskussion aller eingereichten Beiträge dürfen wir Ihnen mitteilen, dass die Jury Ihren Text für das Raniser Debüt ausgewählt hat.‘
! ! !
Ich springe auf den Flur, tanze im Kreis und spiele Luftgitarre, singe das Riff von ‚Smells like teen spirit‘. Mein neunjähriger Sohn verlässt das Bad und sieht mich entsetzt an.
„Wenn einer von meinen Freunden dich jetzt sehen würde… Dann hätte ich keine Freunde mehr. Keiner würde er uns je wieder besuchen“.
Aber als ich das letzte Riff ausklingen lasse und ihm erzähle, dass ein erfahrener Lektor mich bei der Entwicklung meiner Romangeschichte begleiten würde und dass ich im nächsten Sommer für zwei Monate eine Wohnung in einer Burg beziehen könnte, ruft er begeistert aus –
„Wir machen Ferien auf einer Burg!“
Ich küsse ihn und stürze mich in die Arbeit:
„Komm, gehen wir. Wir holen deine Sachen und trinken einen auf deine Gesundheit“, sagte der Mann mit dem Melonenhut und klopfte mir auf die Schulter. Ich brachte drei Gläser und stellte eine Flasche Sliwowitz auf den Tisch. Wir stießen an.

Ein neuer Tag, ein neuer Blogger!

Den Raniser Stadtschreiber gibt es nicht mehr.

An seine Stelle ist eine neue Autorenförderung getreten: das Raniser Debüt, das speziell für Newcomer auf der literarischen Bühne zugeschnitten ist. Im Frühjahr 2014 wurde das „Raniser Debüt“ erstmals vom Lese-Zeichen e.V. ausgeschrieben. Teilnehmen konnten alle Autoren, die noch keine eigenständige Veröffentlichung vorzuweisen haben. Gestiftet wird das „Raniser Debüt“ von der Kreissparkasse Saale-Orla.

Denijen PauljevicWegen der beachtlichen Qualität der eingereichten Arbeiten konnte sich die Jury erst nach ausführlicher Diskussion auf einen Sieger einigen. Ausgewählt wurde Denijen Pauljevic für sein Manuskript „Der Wundenleser“. Die Geschichte spielt auf einer Militärbasis, wo Soldaten auf ihren Kriegseinsatz vorbereitet werden. Das Thema beschäftigt den in Belgrad geborenen Autor auch aus persönlichen Gründen. Denijen Pauljevic flüchtete während der Balkankriege nach Deutschland und lebt heute in München.

In den kommenden Monaten wird Denijen Pauljevic zusammen mit einem erfahrenen Verlagslektor an dem Manuskript arbeiten. Anschließend wird der Text als Buch publiziert.

Denijen Pauljevic wird außerdem den Blog an dieser Stelle fortsetzen.

neue Rollen

Meines Bruders Freundin und er sind ja nun schwanger. Heute bekam ich einen ersten Vorgeschmack auf meine neue Rolle:

Links ein Falschparker mit Warnblink (Falschparker, weil er ein Knöllchen hatte), rechts zwei gelbe Tonnen, dazwischen übriggebliebener Gehweg. Mir entgegen ein Vater mit Kinderwagen, eine Mutter mit Kind an der Hand.
Ich warte auf der anderen Seite.
Die Mutter zum Kind so: „Schnell durch.“
Das Kind so: „Warum denn?“
Die Mutter so: „Weil der Onkel weiter will.“
Der Onkel, das war dann wohl ich.

auf der Jagd

Joggen gewesen auf Feldwegen zwischen Ranis und Ludwigshof, schon auf dem Rückweg befindlich. In der Hand den Schlüsselbund, der in der Hosentasche störend klimbimpelt. Ein Rehbock aus niedergemähtem Feldbau hervor: aufschauend, kopfwendend, erblickend, davonjagend. Die Sprünge unter mir wie beflügelt, mit vorgestreckter Brust und festem Blick und rechts davon, quer dem Feldweg, das aufgescheuchte Tier gen Flucht vor dem blutdruckbe-uhrten, aeroben Läufer in prähistorischem Pathos. Weit ausholend und den Schlüssel ins Schloss und aus dem Kühlschrank ein Proteindrink, so fläzt sich der Jäger in seinen Sessel, mit Lamafell bezogen, und schlürft.

(Joggen, Rehbock und Blutdruck sind Dichtung, aber das Lamafell ist schön weich und der Drink mit Erdbeergeschmack.)

Stadtschreibergespräch am 23. August

Übermorgen gibt’s zwei neue Texte von mir: 20 Uhr zur Schmiede. Ich hab mich auch mal wieder im Dichten probiert und das kam dabei raus:

 

Nur auf ein Wort

Nur auf ein Wortlein habe er
und von gar weitem Lande her
sich eingefunden, es zu sagen,
und sagt’s,
und dank’- und bittesehr
(noch mehr aus Anstand denn Betragen)
von links nach rechts, von hin nach her.

Da geht ein Flüstern durch die Reihen,
„Sie mögen mir die Frag’ verzeihen:
Was war das Wort, das er gesagt?“
„Das hab ich auch schon rumgefragt!“
Und wie es laute, was er kaute,
was er verlispelt-schluckt-schmatzt-saute!
Trotzdem die Jubelrufe branden,
man schaut nach links, man schaut nach rechts:
Es hat kein Mensch das Wort verstanden.

Der Wortgereiste auf der Bühne
verbeugt sich, edler Dichterhüne!,
er beugt sich so tief, ohne Mist!,
dass er die eignen Schuhe küsst.
So kennt er es, er kennt sich aus:
zum einen rein, zum andern raus,
nur auf ein Wort, und dann:
Applaus.

 

 

 

träume irgendwie

RANIS

In Ranis geträumt, in Jena geschrieben

Wenn du schlafen gehst und dein letzter Gedanke davor und dein erster danach, hat mir Julia gesagt, dann weißt du, dass du verliebt bist.

Aber gestern hab ich nicht an dich gedacht, ich habe „Die Schatzinsel“ gelesen, wieder und wieder denselben Absatz und erneut und Augen zu und wo gewesen und bis ich merkte, dass ich müde bin, da legte ich das Buch lichtausknipsend beiseite. Ich weiß nicht woher, zumal ich dich einen Monat oder so nicht gesehen habe, aber dann bist du in meinem Traum aufgetaucht. Du hast dich geniert, aber wir haben uns geküsst, zweimal, das hab ich nicht nur geträumt, das hab ich gefühlt, und du hattest eine Kurzhaarfrisur. Die hat mir nicht so gut gefallen wie dein eigentliches Haar, aber ich dachte mir, das sei nicht der richtige Moment. Zumal wir uns geküsst haben, zum ersten Mal, was ja auch langsam mal Zeit wurde, denke ich und – aber du?, wer weiß das schon und wie herausfinden, ohne Mut zu wagen? Ich war froh, als ich erwachte, der Traum klang nach. Und da ich auch wusste, dass ich träume, während ich träumte – diese Frisur! –, tat es nicht weh, den Traum als solchen auszumachen. Manche Träume sind irgendwie, und manche sagen. Dieser sagt.

Als ich wach war, dachte ich an dich, aber während ich dies schreibe, denke ich an den Traum. Er sagt, es ist an der Zeit zu erwachen.

 

PS: Ach so, ich meine nicht Julia. Das könnte man ja denken wegen der Grammatik, ist aber nicht so. Das ist ihr Name, also von der, die mir das mit dem ersten und letzten Gedanken gesagt hat. Das war eine schöne Aussage und darum ist sie drin, und auch unterm richtigen Namen, weil bei schönen Sachen darf man den verwenden. Aber Julia ist nicht gemeint. Julia ist auch okay, aber sie ist “bloß” eine Freundin.

Mittagessen & Bilderrätsel

JENA

Wenn du zum Mittag ausgehst und du bist gut drauf, weil du hast schon einiges geschafft, und du quatschst so rum mit den andern am Tisch und von dem Jacobsweg nach Prag und dem Vereinsleben in der Literatur und ob das Café denn keinen zweiten Sonnenschirm für die Terrasse habe, aber da gibt es einen, ebenso einer der unsrigen und auch am Tisch, der stenkert immer so rein, immer wieder, z.B.: er selbst wolle ja nicht mitkommen nach Prag, wenn du mitkämst, und das mit dem zweiten Schirm müsstest du wissen können, du seist ja nicht zum ersten Mal hier, und wie dumm die Frage sei; und irgendwann reicht es dir und du sagst – und das sagst du ihm, ohne ihn anzuschauen –, so, sagst du, für mich ist Frederic (der Besagte, pseudonymisiert) ab jetzt unsichtbar, bis er etwas Liebes sagt.

Und dann wendest du dich deinem linken Sitznachbarn zu und redest mit ihm und weißt gar nicht mehr im Nachhinein, worüber, aber im Hintergrund hörst du noch so, wie Frederic erwidert: Wenn du wüsstest, wie wenig ich mir daraus mache.

Aber dann nichts mehr. Dann gar nichts mehr, kein Wort von seiner Seite, 15 Minuten am Tisch.

Wenn so was, dann merkst du: Ja, Menschen, irgendwie: lustig, & faszinierend.

RANIS

Anfang Mai war ich in Ranis und bin viel herumgelaufen, unter anderem traf ich Herrn Gliesing, als er gerade die Wisente fütterte, und scheiterte erneut an dem Versuch, im Barockschloss Brandenstein einen Kaffee zu trinken – anscheinend haben sie richtig dicht gemacht. Bei Hubert habe ich das erste Mal Pferd gegessen und beim Bierholen den Keller kennengelernt, der ortdentlich größer ist als erwartet. Außerdem hab ich die Damentoilette besichtigt, aus literarischen Gründen versteht sich.

Für euch hab ich auch was mitgebracht, ein Rätsel, wer’s weiß, darf’s sagen: Wo wurde folgendes Foto geschossen?

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