Koeppen

(Aufwachintermezzo am Morgen: Noch Bierdunst im Kopf quäkt das Gehirn: „Fassbrause“. Rot, grün, egal – Fassbrause. Es ist zu früh, denke ich, nicht zu früh an sich, die Menschen gehen, fahren ja schon zur Arbeit, aber eben noch zu früh für Fassbrause. Bloß gibt das Gehirn keine Ruhe, rebelliert der ganze Körper, stehe ich auf, trinke Wasser, esse ein paar Löffel Apfelmus und weiß um den Betrug, aber der Körper, der blöde, merkt nur dass Zucker und Flüssigkeit anlangen – ein bisschen schimpft das Gehirn und bald bin ich wieder eingeschlafen.)

Draußen ist alles gedämpft, stehen krumme, schiefe Häuser, stehen winklige Scheunen mit schrägen Mauern, dass alles zusammenfällt glaubt man ja nicht und es kann trotzdem sein, wer sich den Statiker ins Haus holt, ist selber Schuld. Man müsste eigentlich – und die Häuser hatten eine Funktion, haben eine Funktion, soweit ist man weg, nur noch Mieter; Man schaut die kleinen Holztüren an und fragt sich – der Wasserlauf ist ja eingefroren, darüber Schnee gerutscht, die gleichen Gesichter in der Schmiede und warum gehen die Leute heute nicht mehr in die Gastwirtschaft? Es war ja alles voll früher, bloß heute nicht mehr. Man muss sich ja erhalten, sich ja gesund erhalten, den Geist pflegen – für was überhaupt, für die Arbeit bloß oder auch für die Rente, später? Und gesund erhalten: sich zu betrinken ist ja nicht unbedingt gesund erhalten, ist ja auch eine Pflege, ein Vorgang, der vieles erträglicher macht, der einen aushalten lässt, der dämpft, aber vielleicht nicht gesund erhält, das nicht – es sind keine Vögel im Gras, das Gras ist ja auch ganz braun, so wie es überhaupt noch immer keine Farbe gibt in der Landschaft und die Bäume kahl stehen, in Schottland die Schafe eingeschneit und die Zugvögel wieder umkehren in den Süden. Schaut! die haben es ja immer noch ein bisschen schlechter als wir und wir beklagen uns auf hohem Niveau – die Kabel laufen außen an den Häusern entlang, Antennen sind das wohl oder gleich Netzwerkkabel, es sagt ja keiner was, es ist ja kalt und manchmal hört man die Stimmen durchs Glas, durchs Fensterglas – sind wir aus Fleisch und nicht aus Glas, kommen der Wind und die Zeit und werden uns abtragen, die Häuser können ja auch einstürzen und das Gras ist braun und keine Farbe in der Landschaft, wir stehen mit krummen, schiefen Gliedern und glotzen aus unseren kleinen Holzaugen auf die Straßen und keiner weiß mehr, wofür die ganzen Holzaugen da sind und wir sitzen in der Stube und schauen fern, wir bilden uns und trinken nur noch ein Bier, ein kleines, den Geist kann der Wind ja nicht abtragen, nur den Körper drumherum; der Weg zum Friedhof hoch hat ein Geländer, falls wir nicht mehr können, wir müssen ja doch hinauf und vielleicht wird man so freundlich sein, uns zu fahren. Es ist ja für alles gesorgt, Kaffee gekocht und rote Grütze, die gute Grütze, die nie wirklich nach Himbeeren geschmeckt hat und zu der man Soße mit Vanillegeschmack isst mit Vanillearoma. Gedämpft ist wieder alles, wir essen, wir lachen, wir reden und dann soll einer unter die Erde, aber der Boden ist ja noch gefroren, dann lassen wir ihn eben liegen, soll er doch!!! bis die Bäume grün und wir wieder wer sind. Die Freunde sind ja ohnehin verschwunden, die stumme Ferne, die unvergessliche Vergangenheit, wir haben alles vergessen und stehen trotzdem bloß in Erinnerungen bis der Wind auch uns abträgt, uns abschlägig beschieden wird. Vom Greifvogel gehackt. Unendlichkeit erduldend.

4 thoughts on “Koeppen

  1. und ich wurde im Deutschunterricht immer verhauen wenn ich solche Satzungetüme gebaut habe.. und du darfst das quasi professionell machen. na toll!!

    • Blogbeiträge laden in ihrer kleinen und schnellen Form natürlich auch zu Experimenten ein. In diesem Fall habe ich mich von Wolfgang Koeppens “Tauben im Gras” beeinflussen lassen. Ich bin mir natürlich bewusst, dass die Eile und die Regelmäßigkeit der Texte nicht immer zu einer vollendeten literarischen Form führen.

      Dies will ich jedoch nicht so verstanden wissen, dass die Texte keine Kritik nötig hätten oder sich ihr entzögen. Bloß etwas fundierter müsste sie dann sein, die Kritik. (Pathos und Gewolltheit würde ich gelten lassen.)

  2. Mir hat das gefallen. Vielleicht les ich daraufhin auch mal Koeppen. Diese farblose Landschaft, ach. Und das Geländer zum Friedhof hinauf. Hoffentlich scheint mal bald wieder die Sonne, und der Wind lässt sacht die Plastikostereier an den Sträuchern schaukeln, dann sieht man auch wieder die anderen Farben des Lebens.

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