Häuser, Winter

Es ist nicht viel Schnee gefallen, aber der Regen vorher ist überfroren. Ich kratze die Scheiben des Autos frei, obwohl ich nicht fahren will, aber es ist angenehm, diese Tätigkeit auszuführen. Danach laufe ich langsam die Gasse hinunter in Richtung Schmiede. Viele Häuser sind alt, manche renoviert oder gut in Schuss, andere stehen vollends leer. Ich stehe vor einem verfallenen Haus. In den Dreck der Scheiben gemalt: Herzchen, Liebesschwüre bzw. Liebesbehauptungen. Drinnen Schmutz, weiter hinten ein paar Sessel. Vielleicht ist das Haus einmal als illegaler Jugendtreff genutzt worden.

Weiter in der Gasse: Neben einem Tor steht vor der Fassade der Hausrat eines ganzen Zimmers, ja vielleicht sogar Hauses. Schränke mit verschiedenen Furnieren, Teppiche, drehbare Polstersessel, eine Deckenleuchte mit mehreren Glasfassungen. All das ist mit Schnee bedeckt und würde das Herz des Grobmüllsammlers, des Budenbauers und natürlich des Flohmarktbesuchers erwärmen. Tatsächlich wären diese Dinge wohl begehrt in Berlin, am Boxhagener Platz oder anderswo. Genau wie die unbewohnten oder unrenovierten Häuser – die man in Berlin ja ausmerzt, um danach höhere oder vollends horrende Mieten zu verlangen. Die alten, kaputten Häuser haben sicher keine Liebhaber im Ort. Aber was bleibt, um ihnen etwas abzugewinnen, sind ihre Geschichten, denn ich vermute, dass die Schicksale der leerstehenden, verfallenden Häuser hier vielmehr an ihre Besitzer, an die Erbauer geknüpft sind.

Oben, am Ende der Windmühlenstraße, gehe ich in Richtung Heroldshof, überquere eine Brücke, darunter ein rauschender Bach, links neben der Straße fließt es in Richtung Senke. An einzelnen Halmen und Ästen hat sich das gurgelnde, springende Wasser emporgezogen, Schicht um Schicht dicke Eiswulsten gebildet, als seien Halme und Äste die Dochte dieser Eiskerzen. Die Straße ist wenig rutschig, nur am Rand liegt Schneematsch. Ein PKW schleicht langsam an mir vorbei, einige Minuten später donnern zwei Lastwagen an mir vorüber, so dass ich den Luftdruck noch spüren kann. Ein paar Schafe stehen auf der weißen Wiese und scharren mit den Hufen. So hat jeder seine eigene Art, mit den Bedingungen dieses Wintertages umzugehen.

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