Winter, Schmiede-, Tagesbericht

Schneefall am Morgen, Minus fünf Grad. Ich habe vergessen Gabi zu drücken, in der Küche, und musste daher ein ganzes Stück auf den Kaffee warten. Sie weigerte sich solange, bis es mir einfiel und ich es nachholte.

In der Schmiede gestern gut was los, verschiedene Gespräche kursierten im Raum. Dazwischen trank ich ruhig und konzentriert. Das Bier scheint meine Beobachtungsgabe zu trüben (eine Erkenntnis!), denn ich war völlig überrascht von dem Umstand, dass die Gäste ihre Stammgläser haben. Ausgelöst wurde das Ganze durch meine Frage nach dem schönen Pilsener-Urquell-Glas im Glashalter über dem Tresen. Nun bleibe ich also erst mal bei meinem kleinen, festen Rosenrund auf dem der Schau eine angenehme Haube bildet. (Die Blume ist momentan unter dem Schnee verschüttet). Mein früher Abgang blieb, wie erwartet, nicht unkommentiert. Ein schöner Umstand, denn wessen Gehen nicht unbemerkt bleibt, der ist willkommen.

Mittags trete ich vor die Tür, zuerst eine kurze Besprechung mit Frau Francke im Bürgermeisteramt, dann steige ich hinauf in Richtung Artenschutzzentrum und will es mir nun endlich mal ansehen. Es ist sehr verschneit, den Berg hinauf zu gelangen mühsam, ich bin, den Fußabdrücken nach, es ist nur eine frische Spur zu sehen, der Einzige. Tatsächlich wartet noch ein anderer Mann vor der Tür, aber er will nur seine Frau abholen. Und so ist ein früherer Schließtermin wohl der Einsamkeit des Berges und dem Wetter geschuldet, ich kehre also unverrichteter Dinge zurück, aber so eine kurze, pulsierende Anstrengung ist auch gut für den ewig sitzenden Schreiber. Noch dazu hat man ja auch wieder einen neuen Blick über Ranis, es ist überhaupt sehr angenehm, das hügelige hier, das so regelmäßig eine Schau ins Land ermöglicht, diese Weite kennt man in Berlin ja am ehesten aus Tempelhof.

Beim Bäcker erwische ich noch ein Schweineohr und überlege, ein wenig weiter zu gehen, gelange aber nur bis zum Lebensmittelgeschäft, wo ich mir zwei kleine Rosenpils, ein Glas Kürbis und die OTZ kaufe. Die Schmiede hat ja Ruhetag. Ich bugsiere die Flaschen nach Hause und denke darüber nach, ob man als Stadtschreiber am Nachmittag mit Bierflaschen durch den Ort laufen darf. Ich entscheide mich dafür, dass man es darf, zumal die Flaschen nicht geöffnet sind. Und auch sonst ist so ein Bier, noch dazu ein heimisch gebrautes, ja nicht der Untergang des Abendlandes.

Die Geräusche des Schneeräumens sind allgegenwärtig, die Katze ist verstummt.

Häuser, Winter

Es ist nicht viel Schnee gefallen, aber der Regen vorher ist überfroren. Ich kratze die Scheiben des Autos frei, obwohl ich nicht fahren will, aber es ist angenehm, diese Tätigkeit auszuführen. Danach laufe ich langsam die Gasse hinunter in Richtung Schmiede. Viele Häuser sind alt, manche renoviert oder gut in Schuss, andere stehen vollends leer. Ich stehe vor einem verfallenen Haus. In den Dreck der Scheiben gemalt: Herzchen, Liebesschwüre bzw. Liebesbehauptungen. Drinnen Schmutz, weiter hinten ein paar Sessel. Vielleicht ist das Haus einmal als illegaler Jugendtreff genutzt worden.

Weiter in der Gasse: Neben einem Tor steht vor der Fassade der Hausrat eines ganzen Zimmers, ja vielleicht sogar Hauses. Schränke mit verschiedenen Furnieren, Teppiche, drehbare Polstersessel, eine Deckenleuchte mit mehreren Glasfassungen. All das ist mit Schnee bedeckt und würde das Herz des Grobmüllsammlers, des Budenbauers und natürlich des Flohmarktbesuchers erwärmen. Tatsächlich wären diese Dinge wohl begehrt in Berlin, am Boxhagener Platz oder anderswo. Genau wie die unbewohnten oder unrenovierten Häuser – die man in Berlin ja ausmerzt, um danach höhere oder vollends horrende Mieten zu verlangen. Die alten, kaputten Häuser haben sicher keine Liebhaber im Ort. Aber was bleibt, um ihnen etwas abzugewinnen, sind ihre Geschichten, denn ich vermute, dass die Schicksale der leerstehenden, verfallenden Häuser hier vielmehr an ihre Besitzer, an die Erbauer geknüpft sind.

Oben, am Ende der Windmühlenstraße, gehe ich in Richtung Heroldshof, überquere eine Brücke, darunter ein rauschender Bach, links neben der Straße fließt es in Richtung Senke. An einzelnen Halmen und Ästen hat sich das gurgelnde, springende Wasser emporgezogen, Schicht um Schicht dicke Eiswulsten gebildet, als seien Halme und Äste die Dochte dieser Eiskerzen. Die Straße ist wenig rutschig, nur am Rand liegt Schneematsch. Ein PKW schleicht langsam an mir vorbei, einige Minuten später donnern zwei Lastwagen an mir vorüber, so dass ich den Luftdruck noch spüren kann. Ein paar Schafe stehen auf der weißen Wiese und scharren mit den Hufen. So hat jeder seine eigene Art, mit den Bedingungen dieses Wintertages umzugehen.

Sonntag

Am frühen Morgen, gegen 5 Uhr, dringt der Gesang der liebeskranken Katze nach oben und dazu ein zweiter, ebenso inbrünstiger Schrei. Maikätzchen also.

Später, beim Aufwachen, wieder schönes Wetter. Ich beschließe unbedingt hinauszugehen und versacke doch zuerst am Wohnzimmertisch. Ich sehe die Bäume am Burgweg durch die feinmaschige Spitzengardine hindurch, es sind schlanke, teilweise vom Efeu umwucherte Bäume. Sie verzweigen sich in großen Zahl. Es sind dünne Äste, die teils stärker, teils weniger gebogen krakelnd in den blauen, von weißen Wolken durchzogenen Himmel ragen. Ich versuche mir dieses Bild einzuprägen, um es im Sommer mit dem Blick auf die Baumkronen vergleichen zu können, vermute aber, das es nicht gelingen wird.

Am Abend Schneefall.

Besuch, Lesung

Ein paar Zeilen am Morgen, dann Kaffee und Ausfahrt, den Kollegen Gause abzuholen. Eine Wurst bei Kaufland, Knacker für den Abend, Berner Würstchen für den Morgen, deren Geruch trotz eiliger Lüftung noch den ganzen Tag in der guten Stube hängt, die Berner Würstchen, „die es manchmal auch kleiner gibt, in der Werbung“, wie uns die Verkäuferin wissen lässt – “aber es ist ja keine Werbung und daher gibt es auch keine kleinen Würstchen”. Am Abend liest Moritz von Uslar Deutschboden auf der Burg – er trägt mit einer angenehm rollenden Stimme vor und auch der Inhalt seiner Reportage, die mehr sein will als eine Reportage, löst angeregte Diskussionen aus. Danach in der Schmiede, das Schreibervolk fällt ein, die Karten klatschen (Schinkel), Telefone klingeln, wir essen, wir reden noch, wir verpassen die 13 und müssen nach Hause laufen. Wenn am nächsten Morgen nicht Gabi unserer harren würde, in der Küche, wir wüssten nicht weiter. Aber so gibt es Kaffee und alles drumherum und dann retten wir uns träge über den Tag hinweg, wollen ausgehen, bleiben kleben an Sesseln und Stühlen, trinken wieder Kaffee, versuchen in Fahrt zu kommen beim Schreiben, ich in der Stube, Gause in der Küche, ich über diesen Zeilen, er über der anspruchsvollen Form – Kriminalsonette, wenn ich nicht irre.

Am späten Nachmittag kippe ich endgültig vornüber, lande auf dem wunderbar wandelbaren Sofa (mit bequemer Schlaffläche) und als ich die Augen endlich wieder auftue, ist es zu spät für die Feuerwehr (ich wollte eigentlich zur Hauptversammlung). Gause liest und schreibt noch immer, ich blicke aus dem Fenster, der Nebel hängt dicht. Danach essen wir zu Abend und später noch ein Stückchen Schokolade und ein Gläschen Schnaps auf der Sofagarnitur, danach lastet schon wieder die bleierne Müdigkeit auf mir – es geht früh ins Bett.

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Neues Rad, Wernburg
Die Qual des Gebäcks, Katzentraum

Der Tag begann mit einer Ausfahrt des Autos, der Dreck und das Salz mussten runter. Nun fahre ich gerne bei Globus in die Waschstraße oder nutze SB-Waschanalagen, konnte aber nicht herausfinden, ob es eine in der Nähe gibt. Mir ist bei der Enge vor den Einzelwaschplätzen nicht wohl. Ich gondelte ein bisschen herum, das kann der maschinisierte Mensch ja, besah mir die Waschmöglichkeiten der verschiedenen Tankstellen und stand dann bei Shell in der Schlange. Ich habe Zeit und Sprit vertändelt und sicher nicht die beste Entscheidung getroffen, aber ich kann mich so als menschlich per se, nämlich als fehlbar, fühlen und das Auto ist auch sauber.

Nachdem ich in der Fahrradbude Ranis glücklich mein neues Rad in Empfang genommen, wir einen Schwatz gemacht hatten, fuhr ich über das Pflaster einer Einbahnstraße und schaute mich immer, das Rad drohte zu kippen, nach hinten um, ob auch niemand käme mit dem Auto. Das ist so eine meiner Sorgen, das ich der mobilen Freiheit im Weg sein könnte. (Weitere Erläuterungen dazu in meiner Wortwechsel-Kolumne) Ich hielt dann an der Seite an und stellte den Sattel etwas höher. Diese Sattelsache kam über mich, wie die Glühbürne über Edison (so stelle ich mir das zumindest vor, ohne den entsprechenden Wikipedia-Artikel gelesen zu haben) – ich fuhr ein paar Jahre in der Dunkelheit meiner stets erschöpften, ausgelaugten Beine, ehe ich erkannte, wie kraftsparend man vorankam, mit einem höher eingestellten Sattel. (Ob ich diese Erfahrung allerdings selbst machte und die Lösung des Problems somit in meiner Hand lag, weiß ich nicht mehr zu sagen). Ich fuhr durch das Gewerbegebiet über den Parkplatz von Papilio und Ludwigshof gen Wernburg, denn ich hatte diesen Ort dem Namen nach noch in Erinnerung aus einer der letzten Sommerwerkstätten. Ich rollte frohgemut dahin, das Tauwasser plätscherte, wie aus den letzten Einträgen reichlich bekannt, neben der Straße dahin. Es war ganz schön im Ort, wenige Menschen standen bei ihren Häusern. Ich studierte die Aushänge, ich blickte in Richtung einer Kirche und später fand ich noch eine viel kleinere, eine Art Kapelle, auf einem schmalen Grundstück, eine Mauer dahinter, ein mäßig verwitterter Zaun davor. Ich balancierte auf meinem Rad und schaute das Gebäude an, ein Mann in meiner Nähe schloss sein Hoftor, eine Frau lud mit ihrem Sohn Einkäufe aus dem Auto. Auch in Wernburg sah ich einen Lebensmittel- und Getränkeladen, der geschlossen war wie alle Läden um die Mittagszeit, nämlich immer dann, wenn ich meine Runden drehte. Ich ließ mir noch ein wenig die Sonne auf das Haupt scheinen, fuhr dann keuchend hinauf, denn rückwärts stieg der Weg an. Einmal sah ich einen Greifvogel, der Kollege Gause hätte ihn wohl identifizieren können, er war hellbraun, kaffee- fast sandfarben. Ich stand und sah ihm nach. Gleich darauf donnerte ein schwergängiger Geländewagen an mir vorüber. So eng sind manchmal Natur & Technik verbunden! Zurück über den Parkplatz, über das Gewerbegebiet, über eine Straße, parallel zur erst genommenen Einbahn (ich bin in solchen Dingen tageweise Traditionalist) fuhr ich nach Hause, noch kurz beim Bäcker vorbei, hatte schon Apfeltasche und Pfannkuchen ausgewählt, als der Kirschsahnering ins Gespräch kam. Oh schnödes Leben, wie schonst du einen nicht mit deinen Verlockungen! Mit einer Spur Betrübnis verließ ich, meine Tüte in der Hand das Geschäft, der Kirschsahnering blieb hinter dem Vitrinenglas allein zurück, vielleicht, ich hoffte es, im Gespräch mit den benachbarten Windbeuteln und Sahneeclairs.

In der Wohnung rumpelte der Magen und ich kam ihm mit einem guten Mittagessen bei. Dann las ich, diesmal nur kurze Nickerchen zwischendurch, die Nacht hatte ich gut geschlafen, nur eine rollige Katze mauzte gegen sechs in der Frühe. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Arbeit an einer Erzählung.

//Nachtrag: In der Nacht zum siebten März trieb sich die Katze wieder um und schrie laut in meinen Traum hinein, in dem ich eben wieder ausfuhr.

Die nächtliche Ausfahrt des Stadtschreibers
Quelle: gemeinfrei/Wikipedia

Über Brandenstein
in Richtung Pößneck

Wieder schönes Wetter – die nächste Wanderung. In der Schmiede hatte ich am Tag zuvor gehört, dass ich mir unbedingt das Artenschutzzentrum ansehen soll. Steht auf meinem Plan. Vorher kundschaftete ich den Weg nach Pößneck über Brandenstein aus. Bei Google Maps sah es so aus, als ob es eine kleine Straße wäre. Aber so wie ich es schon in der Fahrradbude erklärt bekam, ist es ein Feldweg und mit dem Fahrrad erst bei längerer Trockenheit befahrbar. Ich lief von Ranis aus den Berg hinunter, die Wisente waren diesmal nah am Zaun und nahe am Spendenelch, den zu Füttern ich mir mit Freude zur Aufgabe gemacht habe. Das zunächst so unscheinbare Geräusch, wenn die Münze in die Sammelbox fällt, ist wirklich heiter und angenehm. Ich nahm mir ein Beispiel am riesigen, kauenden Bullen, stand noch einen Moment, schloss die Augen und ließ Vögel, das Rauschen der Blätter, ein einzelnes Auto auf mich wirken. Mir scheint, als ob das größere Maß an Stille mich stärker und bewusster hören lässt.

Ich stieg die Straße nach Brandenstein hinauf, oben thronten, zu meiner Überraschung, Glascontainer, aber es ging auch noch weiter, wieder hinunter, an großen landwirtschaftlichen Hallen vorbei, die so rochen, wie man sich das als Städter wünscht und vorstellt und aus denen ab und zu das Geräusch von Schafen zu hören war. Hier endete der Asphalt der Straße und eine große Weite lag vor mir, der Weg war noch schneebedeckt, taute aber an vielen Stellen und wurde zunehmend matschiger. Die Sonne blendete mich und mir wurde warm. Die Mütze in der Hand sah ich nach einer Weile eine niedrige Böschung und darauf eine Bank, ich stieg auf dem noch gefrorenen Boden, dann über knirschenden Schnee hinauf und erklomm sie glücklich. Ich saß kurz, ein paar Zeilen lesend, bemerkte dann den Wind, der auch die Tasche meines Fotoapparats mit sich riss und nach unten wirbelte. Wiederum glücklich gelang es mir, die Böschung hinabsteigend, die Tasche aus einer Pfütze zu bergen, in die sie, einer Eisschicht wegen, nicht tief eingesunken war.

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

 

Ich ging danach noch etwas weiter Richtung Pößneck, aber der Weg war immer aufgeweichter, mein Schuhwerk nicht angepasst, obwohl ich alles bedacht habe vorher. Dabei habe ich aber nur gefütterte Winterstiefel und für die ist es schon zu warm. Und auch ohne Wanderschuhe dabei zu haben, bin ich bereits mit vier Paaren angereist, was mich gegen mich selbst aufbrachte, andererseits aber nicht anders zu bewerkstelligen war. Auf dem Rückweg blieb ich noch mal stehen, hörte dem Wind zu und den blökenden Schafen. Die Schneeebene lag in der Sonne und glitzerte, oben schlängelte sich ein Traktor röhrend über enge Waldstraßen. Zurück über Brandstein durchschritt ich die Senke, rechts das noch gefrorene Wasser, den Berg hinauf. Oben, beim Bäcker, hatte ich mir einen Windbeutel bestellt, eine meiner großen Leidenschaften in Sachen Gebäck. Obwohl ich mich ja überhaupt nicht beklagen kann und mir Schweineohren, Apfeltaschen, Pfannkuchen, Apfelballen und eben jener besagte Windbeutel mir bisher hervorragend mundeten.
Den Nachmittag erfüllte ein Schläfchen. Am Abend Arbeit bei Kerzenschein an der Erzählung für die Edition Ranis.

Rundgang bei erstem
schönen Wetter

Schon beim Aufwachen helle Flecken im Zimmer, der Blick aus dem Fenster: der Himmel blau und weit. Ganz angenehm ist dieses erste Frühlingswetter, aber stets auch ein mahnendes Zeichen, ein gehobener Zeigefinger für den drögen Schreiber in seiner Kemenate. Man denkt, dass es draußen so schön ist, dass man ganz und gar nicht drin bleiben dürfe. Dann findet man aber, dass man drinnen mehr zu tun hat. Und schließlich geht es doch hinaus, eigentlich ohne Lust und doch weiß ich, dass die Freude später kommen wird.

Die Gehwege liegen hell und klar, überall tropft es, rutscht der Schnee. Oben, in der Windmühlenstraße, merke ich den Wind, der Wind der von den Feldern her kommt und mit sich das Läuten der Schulglocke, das Krähen eines Hahns und die Geräusche fahrender Autos bringt. Ich finde einen Stein, auf dem ein Gedicht über Ranis eingraviert ist. Es gefällt mir und könnte teilweise sehr gut als Motto meiner geplanten Erzählung dienen. Ich biege an dieser Kreuzung wieder in Richtung Ranis ab, laufe nach unten. Unten gurgelt der Bach, überhaupt ist das Rauschen, Tröpfeln und Gurgeln von Wasser allgegenwärtig. Auf dem Weg zur Burg hinauf, ich will sooft wie möglich hinauf laufen, dies hält in Schwung, begegne ich einer roten Katze, die mich kaum vorbei lässt, so gern will sie gestreichelt werden. Natürlich kraule ich ihr Kopf, Ohren und Bauch und steige dann weiter hinauf. Ein bisschen bleibe ich oben an der Mauer stehen, schaue über den Ort und die Felder. Der Blick ist mir noch gut aus dem Sommer in Erinnerung, als wir uns an Landschaftsbildern auf der Burg versucht haben.

Später gehe ich zurück nach unten, hole mir etwas vom Bäcker, drehe noch eine große Runde. Ab und zu schippt jemand Schnee, ein Hund bellt hinter dem Tor und als er verstummend seine Schnauze unter dem Tor hindurchschiebt, höre ich ihn noch Keuchen und Atmen. Vom Gewerbegebiet kommend laufe ich durch eine Siedlung meist neuer Häuser und sehe von hier die Burg wieder in einem ganz anderen Licht: als etwas, das eben da ist, das auch dazu gehört. Hier stehen die Häuser für sich, sie sind abgegliedert von den winkligen Häusern die man sich kaum anders vorstellen kann, als dass sie sich unterhalb der Burg an den Felsen pressen.

Spaziergang, Hunde

Am Mittag im Radio: Ein Bericht, über ein Sensibilisierungstraining in der Schule. Kinder kommen mit Hunden in Berührung, sie streicheln und füttern. Ängstliche Kinder, Kinder mit schlechten Hundeerfahrungen sollen hier ihre Angst ablegen. Sie halten den großen Reifen und die mutigeren Kinder, die Kinder ohne schlechte Hundeerfahrungen locken den Hund hindurch. Wer nicht will, der muss nicht.

Am Nachmittag in Ranis: Ich gehe eine Runde in neue Straßen, fotografiere wieder die Burg. Ich gehe über den Friedhof, gehe über den Plattenweg. Ein paar Leute sind unterwegs, viele führen ihre Hunde aus, wie die Leute es überall machen. (Bloß hier zumeist mit Leine, ein in Berlin inzwischen selten gewordener Anblick.) Am Einkaufsmarkt, an diesem Pavillongebilde, stehen ein paar Menschen, hinten auf einer Laderampe zwei rauchende Jugendliche mit weiten Jeans und großen Schildmützen. Sie stehen wie alle Jugendliche etwas geschützt und trotzdem sichtbar genug – sie werfen mir die gleichen unnahbaren Blicke zu wie jedem auf der Straße. Ein Mädchen kommt mir entgegen, die Handtasche in der Armbeuge, das Handy in der Hand, durchaus sichtbar geschminkt. Sie hat die gleiche Divenhaftigkeit aller Tage, dazu aber ein widerborstiges, ich würde fast sagen rotziges Element, so wie sie an der Zigarette zieht und dann mit weit geöffnetem Mund, geräuschvoll Kaugummi kauend den Rauch ausstößt. Zumindest erinnert sie mich an Mädchen meiner Schulzeit.

Am Ende meines Ganges, beinahe wieder angekommen, sind auf der Ecke zwei ältere Frauen, ein Kind in einem sehr pinken Schneeanzug und ein etwa genauso großer Hund. Kind und Hund Kopf an Kopf, das Kind wendet sich furchtsam ab, die Frauen beschwichtigen. „Du musst doch keine Angst haben, guck mal hier“, und schon werden, sanft und gefühlvoll Hunde- und Kinderkopf aneinandergedrückt, schnupperte die „gute alte Bella“ vorsichtig an den roten Wangen des Kindes, ist die Zusammenführung von Kind und Hund beinahe ein Naturvorgang und die Pädagogik der Großstadt vergessen.