Mittagessen & Bilderrätsel

JENA

Wenn du zum Mittag ausgehst und du bist gut drauf, weil du hast schon einiges geschafft, und du quatschst so rum mit den andern am Tisch und von dem Jacobsweg nach Prag und dem Vereinsleben in der Literatur und ob das Café denn keinen zweiten Sonnenschirm für die Terrasse habe, aber da gibt es einen, ebenso einer der unsrigen und auch am Tisch, der stenkert immer so rein, immer wieder, z.B.: er selbst wolle ja nicht mitkommen nach Prag, wenn du mitkämst, und das mit dem zweiten Schirm müsstest du wissen können, du seist ja nicht zum ersten Mal hier, und wie dumm die Frage sei; und irgendwann reicht es dir und du sagst – und das sagst du ihm, ohne ihn anzuschauen –, so, sagst du, für mich ist Frederic (der Besagte, pseudonymisiert) ab jetzt unsichtbar, bis er etwas Liebes sagt.

Und dann wendest du dich deinem linken Sitznachbarn zu und redest mit ihm und weißt gar nicht mehr im Nachhinein, worüber, aber im Hintergrund hörst du noch so, wie Frederic erwidert: Wenn du wüsstest, wie wenig ich mir daraus mache.

Aber dann nichts mehr. Dann gar nichts mehr, kein Wort von seiner Seite, 15 Minuten am Tisch.

Wenn so was, dann merkst du: Ja, Menschen, irgendwie: lustig, & faszinierend.

RANIS

Anfang Mai war ich in Ranis und bin viel herumgelaufen, unter anderem traf ich Herrn Gliesing, als er gerade die Wisente fütterte, und scheiterte erneut an dem Versuch, im Barockschloss Brandenstein einen Kaffee zu trinken – anscheinend haben sie richtig dicht gemacht. Bei Hubert habe ich das erste Mal Pferd gegessen und beim Bierholen den Keller kennengelernt, der ortdentlich größer ist als erwartet. Außerdem hab ich die Damentoilette besichtigt, aus literarischen Gründen versteht sich.

Für euch hab ich auch was mitgebracht, ein Rätsel, wer’s weiß, darf’s sagen: Wo wurde folgendes Foto geschossen?

IMG_0137 20cm hoch

Sonntag, Ausfahrt III: Schmorda

Am Sonntag besuchte mich mein Bruder mit Familie. Auf der Burg erklärte ich meinem vierjährigen Neffen, dass, wenn er einen der Knöpfe an der Wand drückte, Alarm ausgelöst würde, die Feuerwehr käme und das alles am Sonntagnachmittag, wo die Leute ja in Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen wollten. Wieder am Fuße der Burg angekommen, schauten wir die roten Tore der Feuerwehr an, sprachen über die Sirene und ich erzählte, wie schnell beim letzten Alarm alle Männer und Frauen der Feuerwehr dagewesen wären. Es war 15:58 und während ich noch erzählte, ging die Sirene an und es dauerte keine Minute, ehe der erste Kamerad um die Ecke sprintete und gleich danach, in dichter Folge, trafen die anderen Feuerwehrleute ein. Grandios wie alles zusammen kam und wie schnell die Feuerwehr wieder ausrückte – ich war und bin beeindruckt. Zumal der Brand gelöscht und Schlimmeres verhindert werden konnte. Gleichzeitig blieben auch andere Leute stehen und die Fenster gingen auf, so wie ich damals ja auch hinaussah.

Am Montag stieg ich wieder, der Mensch lernt ja nicht dazu, aufs Rad, um eine Runde zu drehen. Ich fuhr über die Lindenstraße in Richtung Schmorda, es ging immer leicht bergauf, aber mit niedrigem Gang kam ich langsam und stetig voran. Bald war ich auf der Höhe, die ich im Sommer in der Werkstatt noch gemalt hatte und ich spürte wieder wie groß der Unterschied zwischen künstlerischer und physischer Aneignung der Welt war. Dort erfasste mich dann auch wieder der Wind, er ging frontal und diesmal an einer Steigung gegen mich an. Ich trat was das Zeug hielt und gelangte schließlich an eine Kreuzung, die ich überquerte, um in Schmorda einzurollen.

Links grüßte mich das alte Kirchgebäude, die Fassade soll, laut Aushang, renoviert werden und eine Werbung für die Einkehr in einen Gasthof. Im Sommer hätte mich sicher der Bierdurst geleitet, aber bei diesem Wetter blieben die Bedürfnisse nur unbestimmt im Raum. Ich bog nach rechts ab und umrundete den Dorfteich, die Löschwasserentnahmestelle, und hatte damit beinahe eine Rundfahrt durch den ganzen Ort unternommen. Kleine Häuser, rote Klinker, Kacheln, Putz, der Dorfgasthof blau und renoviert. Der Platz lag still und friedlich, nur ein bellender Hund war zu hören und zwei im Wind schlagende, unbeflaggte Fahnenmasten. Viele Sträucher waren mit bunten Plastikostereiern geschmückt, was ich schon von meiner Kindheit her sehr gern habe.

Ich machte ein Foto, rollte wieder auf die Straße, der Vollständigkeit halber nochmal circa dreißig Meter weit zum anderen Ortsausgangsschild und drehte dann wieder um. Ich hatte eine kurze Rundtour über Wernburg zurück nach Ranis geplant. Zurück auf der Kreuzung sah ich geradeaus die Burg Ranis in der Senke und bog nach rechts ab, Richtung Knau. Nun kam der Wind wieder direkt von vorn, er frischte nochmals auf, packte mich hart an, wollte die Passage auf keinen Fall freigeben.

Herrje, ich hatte vergessen, was dem Windgott zu opfern war, mir blieb nur der Glaube an den modernen Menschen, an die Technik und die Kraft in meinen Beinen. Ich trat gegen die Windwand an, stets den immer näher kommenden Wald im Blick, in dem ich mir ein Abklingen des Sturms erhoffte. Tatsächlich, nach einem letzten Aufbäumen des Windes auf der freien Fläche fuhr ich in die Schonung – dort war der Wind weniger stark und ich hörte nur das gewaltige Rauschen in den Wipfeln der Nadelbäume. So, glücklich entkommen, fuhr es sich leichter und schneller, spürte ich wieder die Freude, das Tempo des Radfahrens im 18. Gang. Ein verwittertes Holzkreuz ragte rechts aus dem Schnee, am Baum dahinter noch die wuchtig abgeschlagene Rinde, der nackte, verhärmte Stamm.

Richtung Wernburg konnte ich das Rad schließlich rollen lassen, musste nur die Schlaglöcher umkurven und ordentlich bremsen. Ab und an wehte der Schnee von rechts herein. Im Ort wäre ich beinahe mit einem herumrollenden Plastikblumentopf kollidiert – an sich kein Problem, aber der menschliche Reflex des Ausweichens hätte mich fast in Bedrängnis gebracht. Ich aber hielt die Balance.

Mit roten Beinen und Wangen kehrte ich später in die Stadtschreiberwohnung zurück, im festen Vorsatz, das Rad nun erst mal wieder ruhen, den eisigen Nordostwind verebben zu lassen.

 

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Geschmückter Osterstrauch vor der Löschwasserentnahmestelle in Schmorda

Winter, Schmiede-, Tagesbericht

Schneefall am Morgen, Minus fünf Grad. Ich habe vergessen Gabi zu drücken, in der Küche, und musste daher ein ganzes Stück auf den Kaffee warten. Sie weigerte sich solange, bis es mir einfiel und ich es nachholte.

In der Schmiede gestern gut was los, verschiedene Gespräche kursierten im Raum. Dazwischen trank ich ruhig und konzentriert. Das Bier scheint meine Beobachtungsgabe zu trüben (eine Erkenntnis!), denn ich war völlig überrascht von dem Umstand, dass die Gäste ihre Stammgläser haben. Ausgelöst wurde das Ganze durch meine Frage nach dem schönen Pilsener-Urquell-Glas im Glashalter über dem Tresen. Nun bleibe ich also erst mal bei meinem kleinen, festen Rosenrund auf dem der Schau eine angenehme Haube bildet. (Die Blume ist momentan unter dem Schnee verschüttet). Mein früher Abgang blieb, wie erwartet, nicht unkommentiert. Ein schöner Umstand, denn wessen Gehen nicht unbemerkt bleibt, der ist willkommen.

Mittags trete ich vor die Tür, zuerst eine kurze Besprechung mit Frau Francke im Bürgermeisteramt, dann steige ich hinauf in Richtung Artenschutzzentrum und will es mir nun endlich mal ansehen. Es ist sehr verschneit, den Berg hinauf zu gelangen mühsam, ich bin, den Fußabdrücken nach, es ist nur eine frische Spur zu sehen, der Einzige. Tatsächlich wartet noch ein anderer Mann vor der Tür, aber er will nur seine Frau abholen. Und so ist ein früherer Schließtermin wohl der Einsamkeit des Berges und dem Wetter geschuldet, ich kehre also unverrichteter Dinge zurück, aber so eine kurze, pulsierende Anstrengung ist auch gut für den ewig sitzenden Schreiber. Noch dazu hat man ja auch wieder einen neuen Blick über Ranis, es ist überhaupt sehr angenehm, das hügelige hier, das so regelmäßig eine Schau ins Land ermöglicht, diese Weite kennt man in Berlin ja am ehesten aus Tempelhof.

Beim Bäcker erwische ich noch ein Schweineohr und überlege, ein wenig weiter zu gehen, gelange aber nur bis zum Lebensmittelgeschäft, wo ich mir zwei kleine Rosenpils, ein Glas Kürbis und die OTZ kaufe. Die Schmiede hat ja Ruhetag. Ich bugsiere die Flaschen nach Hause und denke darüber nach, ob man als Stadtschreiber am Nachmittag mit Bierflaschen durch den Ort laufen darf. Ich entscheide mich dafür, dass man es darf, zumal die Flaschen nicht geöffnet sind. Und auch sonst ist so ein Bier, noch dazu ein heimisch gebrautes, ja nicht der Untergang des Abendlandes.

Die Geräusche des Schneeräumens sind allgegenwärtig, die Katze ist verstummt.

Besuch, Lesung

Ein paar Zeilen am Morgen, dann Kaffee und Ausfahrt, den Kollegen Gause abzuholen. Eine Wurst bei Kaufland, Knacker für den Abend, Berner Würstchen für den Morgen, deren Geruch trotz eiliger Lüftung noch den ganzen Tag in der guten Stube hängt, die Berner Würstchen, „die es manchmal auch kleiner gibt, in der Werbung“, wie uns die Verkäuferin wissen lässt – “aber es ist ja keine Werbung und daher gibt es auch keine kleinen Würstchen”. Am Abend liest Moritz von Uslar Deutschboden auf der Burg – er trägt mit einer angenehm rollenden Stimme vor und auch der Inhalt seiner Reportage, die mehr sein will als eine Reportage, löst angeregte Diskussionen aus. Danach in der Schmiede, das Schreibervolk fällt ein, die Karten klatschen (Schinkel), Telefone klingeln, wir essen, wir reden noch, wir verpassen die 13 und müssen nach Hause laufen. Wenn am nächsten Morgen nicht Gabi unserer harren würde, in der Küche, wir wüssten nicht weiter. Aber so gibt es Kaffee und alles drumherum und dann retten wir uns träge über den Tag hinweg, wollen ausgehen, bleiben kleben an Sesseln und Stühlen, trinken wieder Kaffee, versuchen in Fahrt zu kommen beim Schreiben, ich in der Stube, Gause in der Küche, ich über diesen Zeilen, er über der anspruchsvollen Form – Kriminalsonette, wenn ich nicht irre.

Am späten Nachmittag kippe ich endgültig vornüber, lande auf dem wunderbar wandelbaren Sofa (mit bequemer Schlaffläche) und als ich die Augen endlich wieder auftue, ist es zu spät für die Feuerwehr (ich wollte eigentlich zur Hauptversammlung). Gause liest und schreibt noch immer, ich blicke aus dem Fenster, der Nebel hängt dicht. Danach essen wir zu Abend und später noch ein Stückchen Schokolade und ein Gläschen Schnaps auf der Sofagarnitur, danach lastet schon wieder die bleierne Müdigkeit auf mir – es geht früh ins Bett.

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Schlaftrunkener Blick in den Nebel

Neues Rad, Wernburg
Die Qual des Gebäcks, Katzentraum

Der Tag begann mit einer Ausfahrt des Autos, der Dreck und das Salz mussten runter. Nun fahre ich gerne bei Globus in die Waschstraße oder nutze SB-Waschanalagen, konnte aber nicht herausfinden, ob es eine in der Nähe gibt. Mir ist bei der Enge vor den Einzelwaschplätzen nicht wohl. Ich gondelte ein bisschen herum, das kann der maschinisierte Mensch ja, besah mir die Waschmöglichkeiten der verschiedenen Tankstellen und stand dann bei Shell in der Schlange. Ich habe Zeit und Sprit vertändelt und sicher nicht die beste Entscheidung getroffen, aber ich kann mich so als menschlich per se, nämlich als fehlbar, fühlen und das Auto ist auch sauber.

Nachdem ich in der Fahrradbude Ranis glücklich mein neues Rad in Empfang genommen, wir einen Schwatz gemacht hatten, fuhr ich über das Pflaster einer Einbahnstraße und schaute mich immer, das Rad drohte zu kippen, nach hinten um, ob auch niemand käme mit dem Auto. Das ist so eine meiner Sorgen, das ich der mobilen Freiheit im Weg sein könnte. (Weitere Erläuterungen dazu in meiner Wortwechsel-Kolumne) Ich hielt dann an der Seite an und stellte den Sattel etwas höher. Diese Sattelsache kam über mich, wie die Glühbürne über Edison (so stelle ich mir das zumindest vor, ohne den entsprechenden Wikipedia-Artikel gelesen zu haben) – ich fuhr ein paar Jahre in der Dunkelheit meiner stets erschöpften, ausgelaugten Beine, ehe ich erkannte, wie kraftsparend man vorankam, mit einem höher eingestellten Sattel. (Ob ich diese Erfahrung allerdings selbst machte und die Lösung des Problems somit in meiner Hand lag, weiß ich nicht mehr zu sagen). Ich fuhr durch das Gewerbegebiet über den Parkplatz von Papilio und Ludwigshof gen Wernburg, denn ich hatte diesen Ort dem Namen nach noch in Erinnerung aus einer der letzten Sommerwerkstätten. Ich rollte frohgemut dahin, das Tauwasser plätscherte, wie aus den letzten Einträgen reichlich bekannt, neben der Straße dahin. Es war ganz schön im Ort, wenige Menschen standen bei ihren Häusern. Ich studierte die Aushänge, ich blickte in Richtung einer Kirche und später fand ich noch eine viel kleinere, eine Art Kapelle, auf einem schmalen Grundstück, eine Mauer dahinter, ein mäßig verwitterter Zaun davor. Ich balancierte auf meinem Rad und schaute das Gebäude an, ein Mann in meiner Nähe schloss sein Hoftor, eine Frau lud mit ihrem Sohn Einkäufe aus dem Auto. Auch in Wernburg sah ich einen Lebensmittel- und Getränkeladen, der geschlossen war wie alle Läden um die Mittagszeit, nämlich immer dann, wenn ich meine Runden drehte. Ich ließ mir noch ein wenig die Sonne auf das Haupt scheinen, fuhr dann keuchend hinauf, denn rückwärts stieg der Weg an. Einmal sah ich einen Greifvogel, der Kollege Gause hätte ihn wohl identifizieren können, er war hellbraun, kaffee- fast sandfarben. Ich stand und sah ihm nach. Gleich darauf donnerte ein schwergängiger Geländewagen an mir vorüber. So eng sind manchmal Natur & Technik verbunden! Zurück über den Parkplatz, über das Gewerbegebiet, über eine Straße, parallel zur erst genommenen Einbahn (ich bin in solchen Dingen tageweise Traditionalist) fuhr ich nach Hause, noch kurz beim Bäcker vorbei, hatte schon Apfeltasche und Pfannkuchen ausgewählt, als der Kirschsahnering ins Gespräch kam. Oh schnödes Leben, wie schonst du einen nicht mit deinen Verlockungen! Mit einer Spur Betrübnis verließ ich, meine Tüte in der Hand das Geschäft, der Kirschsahnering blieb hinter dem Vitrinenglas allein zurück, vielleicht, ich hoffte es, im Gespräch mit den benachbarten Windbeuteln und Sahneeclairs.

In der Wohnung rumpelte der Magen und ich kam ihm mit einem guten Mittagessen bei. Dann las ich, diesmal nur kurze Nickerchen zwischendurch, die Nacht hatte ich gut geschlafen, nur eine rollige Katze mauzte gegen sechs in der Frühe. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Arbeit an einer Erzählung.

//Nachtrag: In der Nacht zum siebten März trieb sich die Katze wieder um und schrie laut in meinen Traum hinein, in dem ich eben wieder ausfuhr.

Die nächtliche Ausfahrt des Stadtschreibers
Quelle: gemeinfrei/Wikipedia

Über Brandenstein
in Richtung Pößneck

Wieder schönes Wetter – die nächste Wanderung. In der Schmiede hatte ich am Tag zuvor gehört, dass ich mir unbedingt das Artenschutzzentrum ansehen soll. Steht auf meinem Plan. Vorher kundschaftete ich den Weg nach Pößneck über Brandenstein aus. Bei Google Maps sah es so aus, als ob es eine kleine Straße wäre. Aber so wie ich es schon in der Fahrradbude erklärt bekam, ist es ein Feldweg und mit dem Fahrrad erst bei längerer Trockenheit befahrbar. Ich lief von Ranis aus den Berg hinunter, die Wisente waren diesmal nah am Zaun und nahe am Spendenelch, den zu Füttern ich mir mit Freude zur Aufgabe gemacht habe. Das zunächst so unscheinbare Geräusch, wenn die Münze in die Sammelbox fällt, ist wirklich heiter und angenehm. Ich nahm mir ein Beispiel am riesigen, kauenden Bullen, stand noch einen Moment, schloss die Augen und ließ Vögel, das Rauschen der Blätter, ein einzelnes Auto auf mich wirken. Mir scheint, als ob das größere Maß an Stille mich stärker und bewusster hören lässt.

Ich stieg die Straße nach Brandenstein hinauf, oben thronten, zu meiner Überraschung, Glascontainer, aber es ging auch noch weiter, wieder hinunter, an großen landwirtschaftlichen Hallen vorbei, die so rochen, wie man sich das als Städter wünscht und vorstellt und aus denen ab und zu das Geräusch von Schafen zu hören war. Hier endete der Asphalt der Straße und eine große Weite lag vor mir, der Weg war noch schneebedeckt, taute aber an vielen Stellen und wurde zunehmend matschiger. Die Sonne blendete mich und mir wurde warm. Die Mütze in der Hand sah ich nach einer Weile eine niedrige Böschung und darauf eine Bank, ich stieg auf dem noch gefrorenen Boden, dann über knirschenden Schnee hinauf und erklomm sie glücklich. Ich saß kurz, ein paar Zeilen lesend, bemerkte dann den Wind, der auch die Tasche meines Fotoapparats mit sich riss und nach unten wirbelte. Wiederum glücklich gelang es mir, die Böschung hinabsteigend, die Tasche aus einer Pfütze zu bergen, in die sie, einer Eisschicht wegen, nicht tief eingesunken war.

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

Die erklommene Bank mit eigenen Fußabdrücken

 

Ich ging danach noch etwas weiter Richtung Pößneck, aber der Weg war immer aufgeweichter, mein Schuhwerk nicht angepasst, obwohl ich alles bedacht habe vorher. Dabei habe ich aber nur gefütterte Winterstiefel und für die ist es schon zu warm. Und auch ohne Wanderschuhe dabei zu haben, bin ich bereits mit vier Paaren angereist, was mich gegen mich selbst aufbrachte, andererseits aber nicht anders zu bewerkstelligen war. Auf dem Rückweg blieb ich noch mal stehen, hörte dem Wind zu und den blökenden Schafen. Die Schneeebene lag in der Sonne und glitzerte, oben schlängelte sich ein Traktor röhrend über enge Waldstraßen. Zurück über Brandstein durchschritt ich die Senke, rechts das noch gefrorene Wasser, den Berg hinauf. Oben, beim Bäcker, hatte ich mir einen Windbeutel bestellt, eine meiner großen Leidenschaften in Sachen Gebäck. Obwohl ich mich ja überhaupt nicht beklagen kann und mir Schweineohren, Apfeltaschen, Pfannkuchen, Apfelballen und eben jener besagte Windbeutel mir bisher hervorragend mundeten.
Den Nachmittag erfüllte ein Schläfchen. Am Abend Arbeit bei Kerzenschein an der Erzählung für die Edition Ranis.

Spaziergang, Hunde

Am Mittag im Radio: Ein Bericht, über ein Sensibilisierungstraining in der Schule. Kinder kommen mit Hunden in Berührung, sie streicheln und füttern. Ängstliche Kinder, Kinder mit schlechten Hundeerfahrungen sollen hier ihre Angst ablegen. Sie halten den großen Reifen und die mutigeren Kinder, die Kinder ohne schlechte Hundeerfahrungen locken den Hund hindurch. Wer nicht will, der muss nicht.

Am Nachmittag in Ranis: Ich gehe eine Runde in neue Straßen, fotografiere wieder die Burg. Ich gehe über den Friedhof, gehe über den Plattenweg. Ein paar Leute sind unterwegs, viele führen ihre Hunde aus, wie die Leute es überall machen. (Bloß hier zumeist mit Leine, ein in Berlin inzwischen selten gewordener Anblick.) Am Einkaufsmarkt, an diesem Pavillongebilde, stehen ein paar Menschen, hinten auf einer Laderampe zwei rauchende Jugendliche mit weiten Jeans und großen Schildmützen. Sie stehen wie alle Jugendliche etwas geschützt und trotzdem sichtbar genug – sie werfen mir die gleichen unnahbaren Blicke zu wie jedem auf der Straße. Ein Mädchen kommt mir entgegen, die Handtasche in der Armbeuge, das Handy in der Hand, durchaus sichtbar geschminkt. Sie hat die gleiche Divenhaftigkeit aller Tage, dazu aber ein widerborstiges, ich würde fast sagen rotziges Element, so wie sie an der Zigarette zieht und dann mit weit geöffnetem Mund, geräuschvoll Kaugummi kauend den Rauch ausstößt. Zumindest erinnert sie mich an Mädchen meiner Schulzeit.

Am Ende meines Ganges, beinahe wieder angekommen, sind auf der Ecke zwei ältere Frauen, ein Kind in einem sehr pinken Schneeanzug und ein etwa genauso großer Hund. Kind und Hund Kopf an Kopf, das Kind wendet sich furchtsam ab, die Frauen beschwichtigen. „Du musst doch keine Angst haben, guck mal hier“, und schon werden, sanft und gefühlvoll Hunde- und Kinderkopf aneinandergedrückt, schnupperte die „gute alte Bella“ vorsichtig an den roten Wangen des Kindes, ist die Zusammenführung von Kind und Hund beinahe ein Naturvorgang und die Pädagogik der Großstadt vergessen.