vier | arbeiten (28.7.17)

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das manuskript liegt auf dem tisch. siebzig seiten in etwa, siebzig kleine versatzstücke, die zu großen teilen im letzten jahr entstanden sind, einer inneren anordnung folgen, in dir jetzt freude, aber manchmal auch so etwas wie unsicherheit auslösen, jetzt, wo sie sich einer endgültigen form nähern.
 
und dann. arbeiten. will heißen, zu zweit arbeiten. versatzstück für versatzstück mit jemandem durchgehen, der auf so feine art und weise nahezu jedes bild prüft, es positiv hinterfragt, dein handwerk genau untersucht. und du schon im lesen oder mitlesen merkst, welche bilder stimmig sind oder gerade doch an substanz verlieren, an welchen bildern du festhalten willst und welche dich selbst ein wenig zweifeln lassen. welche eigenarten sich eingeschliffen haben, die manchmal schon fast etwas komisches gewinnen. und du dir aber auch denkst, was für ein seltener luxus, zeit für diese arbeit zu haben, zeit an diesem wirklich schönen ort, zeit für diesen entstehenden band (ein großer dank an helge!).
 
vor dem fenster. immer wieder die falken. schreien manchmal nun wie wahnsinnig, zerhacken töne in der luft, und manchmal fürchtest du, so auch jetzt, dass deine anwesenheit die eltern vertreibt, sie die jungtiere wegen dir hungern lassen, aber so ist es nicht, zwischendrin tauchen sie auf, werfen aus der luft geschickt ihre kleine beute in den horst unterm dach.
 
und arbeitest, liest weiter. spürst, dass du die konkreten situationen, die den versatzstücken oft zugrunde liegen, wieder vor augen hast, dass sie jetzt wieder deutlich werden, zutage treten. und dich freust an diesem arbeiten zu zweit, an diesem dialog, der über das geschriebene stattfindet. drei kapitel, viele handschriftlichen anmerkungen nun. streichungen, umstellungen, fragezeichen. du blätterst seite um seite, beginnst umzuarbeiten, einzuarbeiten. ein prozess, der dir in dieser auf einen band angelegten form neu ist. und genau darin auch seine schöne besonderheit hat. schicht für schicht. wegnehmen. auflegen. manche bilder brauchen mehr raum, manche mehr schliff. schichten unterschiedlicher art, in denen sich deine versatzstücke nun bewegen, immer weiter form annehmen. an diesem schönen ort.

 

drei | aufstehen (27.7.17)

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das bett steht an der wand, die burg selbst auf der gegenüberliegenden seite, hinter dem fenster. jetzt ist es früh, die falken noch ruhig, jemand bringt mit der motorsense das gras unterhalb der burg auf einen anderen stand. dazwischen, der morgen. viel licht, das ins zimmer, durch die fenster dringt, auch in dich dringt, dich weckt. und wind, das erste mal jetzt deutlich zu hören, unter den schindeln, in balken, und wie das für die falken ist, diese beiden jungtiere, das würdest du gerne wissen. aber noch sind sie nicht zu sehen, nicht zu hören, nur eine feder, flaumartig, klebt an der schindel, so ein anrührendes bild.

du stehst auf, machst kaffee, siedest also wasser in einem kleinen kocher, gießt es in eine tasse, gibst milch dazu, rührst mit dem löffel um, hörst diesem geräusch zu. siehst dich um, der raum entwickelt gewohnheiten, so wie du gewohnheiten entwickelst, du weißt, wo die dinge nun ihren platz haben, findest darin deinen eigenen, ihr eignet auch also an. die wege zwischen schreibtisch und bett sind kurz, ein paar schritte nur, aber ausreichend genug, um darin einen gedanken fassen zu können, vielleicht sogar einen ganzen satz, der versuch, den raum und seine aussichten zu begreifen. weit kannst du sehen. vom schreibtisch aus auf eine hügellandschaft, dunkel gesäumt, nadelwald wohl. mittig davon, parallel zum horizont, eine straße, mit spärlich gesetzter beleuchtung. das weißt du nur aus der nacht, aus jenen momenten also, wenn die lichtkegel sich ruhig durchs bild schieben, eine helle linie durch deinen ausblick ziehen. am ende deiner sicht, kleine bäume, abgetönte felder, weiter aufziehendes licht. schön ist das. so eine ruhe in allem. du öffnest das fenster, wind zieht durch den raum, zieht ein, verblättert seiten offen liegender bücher, bringt bewegung in deinen morgen. du aber bleibst sitzen, schreibst weiter.

weite ist schwer zu definieren, denkst du jetzt, auf der suche nach begriffen, für eben diese weite oder ferne, die sich im abnehmen der farbgebung zeigt, im verschwimmen von flächen und deren begrenzungen, im auflösen von konturen und im zusammenziehen deiner augen, diesem versuch, die ferne scharf zu stellen, ihr näher zu kommen. aber natürlich, das gelingt nicht, weder jetzt noch morgen, manches bleibt in der ferne, wahrt ungewisses, das nicht aufzulösen ist, zumindest für dich, »morgens, die dinge sind noch unberührt.« (jan skácel)

dann die falken. und wie weit ihre flügel reichen, fragst du dich, ihre spannbreite oder spannweite, der unterschied ist dir gerade nicht klar, aber die falken halten ihr gefieder fest am körper, wirken in sich gedrängt, in sich gezogen, diese beiden jungtiere, direkt unter deinem fenster, etwa anderthalb meter abstand, vielleicht ein klein wenig mehr. ein gemauerter vorsprung wohl, auf dem sie sitzen, unter dem dach, dann, wenn aus ihren schnäbeln die hohen töne kommen, stakkatoartig, wie schneller flügelschlag, sie nahrung einfordern, vielleicht auch zuneigung, auch das rührt dich an, ihr plusterndes gefieder, und wie sie ihre köpfe einander zuwenden, in seltenen momenten auch dir. und dann dieser moment, wenn kamera und falkenauge sich begegnen, einander fixieren, das auslösen des bilds, das einlösen einer wahrnehmung und dann die beiden falken verschwunden, aus dem bild gelöst, still ist es wieder.

zwei | vortasten (26.7.17)

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dein zimmer liegt oben. du gehst stufe um stufe, das geräusch alter holzdielen übertönt deine schritte. vorbei an türen, an lichtschaltern, schwarz und rund, das kennst du noch von früher, an fenstern, an vorsprüngen, an aussichten gehst du vorbei. drei oder vier stockwerke sind es, das weißt du nicht genau, trittst ein. der raum kennt dich jetzt schon ein wenig, das spürst du, still ist es. unter dir jetzt der ort, dach um dach aneinandergereiht.

später gehst du in den hof, in umgedrehter reihenfolge der ablauf jetzt, auch das drehen der schlüssel, erst in deiner zimmertür, dann in der zwischentür, schließlich die alte holztür. treppenstufen gehst du hinab, zögernd, es regnet. stark regnet es und du ziehst den kopf ein, aber natürlich, das nützt nichts, gehst weiter von einem torbogen zum andern. der grad der nässe zeigt dir die entfernung an, mal mehr mal weniger, und so langsam begreifst du, dass du nun an diesen ort bist. bleiben wirst. ein paar tage. zwischen vorburg und burg. spazierst nun, in diesem großen innenhof, ein echoraum, jetzt aber ist es ruhig, die geräusche des dorfes enden an der burgmauer. du querst den innenhof, vorbei an alltagszeichen, die auf ein jetzt schließen lassen, schilder, die aufs museum verweisen, öffnungszeiten anzeigen, dich willkommen heißen, dir zugang ermöglichen, aber jetzt nicht, und irgendwie doch, denn alle anderen sind draußen, während du in der burg bist.

vor einem der hinteren burgausgänge eine zimmerpflanze. auf dem boden stehend, ein grüner übertopf, regen rinnt durch die dunkelgrünen blätter, tropft aufs nasse pflaster, so etwas anrührendes steckt in diesem bild und du hältst es fest, nicht nur mit deiner kamera, sondern irgendetwas in dir hält daran fest, und dann gehst du weiter, hältst inne, drehst wieder um. das große burgtor noch offen. ein hohes dunkles tor, aus zwei ineinanderhängenden teilen, die man anheben, aber erst den großen haken aus der wand nehmen muss, das ist wichtig, sonst hängt das tor zu tief, schleift am kopfsteinpflaster, das tor also erst zusammenschieben, wie den herausgelösten falz eines akkordeons, und dann aufklappen, dann schließen. aber soweit ist es jetzt nicht, denn das tor ist offen und du gehst weiter durch den regen, gehst die kleine steile straße hinab, suchst die alte schmiede. gehst vorbei an häusern mit gepflegten geranien begonien petunien, pflanzen, die so etwas landähnliches verheißen, in ihren kleinen balkonkästen, eingegrenzten balkonländern, und diese länder liegen nahe und doch so fern, und du gehst weiter, den berg hinab. menschen siehst du kaum, es regnet, ein kopf bewegt sich hinter eine scheibe, du nickst, grüßt, ein schemenhafter rückgruß dann, ein zeichen, ein schönes.

eins | ankommen (25.7.17)

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sich einen raum zu eigen machen. den fremden raum sich zu eigen machen. wollen. eigentlich. stille bei jedem geräusch. erst einmal. neues hören. so ist das. also. die hände beobachten. die eigenen. wie sie das fenster öffnen. erst einmal eines. ohne gewohnheit. unsicher. die finger. die sehnen, auch die muskulatur. überzeichnet. vom gegenlicht. ein suchen nach mechanismen. der automechanismus verloren ja. kurzzeitig. nach haken und riegeln greifen. richtungen ausprobieren, nach oben nach unten, nach osten nach westen, schieben, richtungen ändern. fortlaufend. dann. endlich. das fenster öffnen. zeitspannen durchlassen. durchlässig werden. zeit anpassen oder sie überhaupt erst jetzt bemerken. im ohr ein kind haben, das nach der mutter schreit. nicht das eigene. nicht anzueignen. ein seltsames gefühl. und so also eignet man sich einen raum an. stück für stück. mit kleinen griffen. eignet man sich an. sich selbst. im fremden. oder ist es der raum. der einen aneignet, einen zu eigen macht. inkorporiert. annähernd. nähe suchend. im geruch. im staub. in diesen noch unbehausten dingen.

 

dann. kehren. einen besen zur hand nehmen. von der wand zum körper fegen, immer zu sich selbst fegen. auch so ein automatismus. der jetzt aber greift, der um sich eher um dich greift. den raum verändert, spürbar. im augenwinkel, plötzliches. ein falke wohl, ein jungtier vielleicht. blassgefiedert. ob die jahreszeiten stimmen, ist jetzt nicht zu klären. sie sind einfach da. nicht nur der vogel. in schemen vorm fenster. lösen sich auf. horizontähnliches. vielleicht aber auch deine augen zu klein, alles andere zu groß. wer weiß das schon. jetzt in diesem moment. wo der raum eine neue größe gewinnt. also die größe, die du ihm zugestehst. denn du bist neu. hier. ist noch nicht klar, wer wen ins maß nimmt und welche maßstäbe angesetzt werden. das weißt du nicht. noch nicht. und das zählen von schritten von einer wand zur anderen bringt dich jetzt nicht weiter. jetzt nicht. noch nicht. wo deine schritte außer sich sind, so einen echoklang erzeugen. platz also ist für hall, das klingt nach etwas großem. denkst du. aber dein blick. federt hin und her, federt zwischen balken und rauputz, weiß. und weiß ist eine schwierige farbe, weil sie keine farbe ist. und du darin keinen punkt ausmachen kannst, keinen halt findest. fürs auge. vielleicht auch für dich. aber halt brauchst du jetzt auch nicht. eigentlich. denn im weiß lässt sie nichts ins maß nehmen, weder du, noch der raum, noch die zeit. und das ist gut so. denn du kommst gerade erst an.

Der Weingeist

Plötzlich war das Buch fertig. Ich musste es abgeben. Leb wohl. Ein Buch vollendet, ein Leben vollendet. Man hält es in den Händen, man schaut rein. Ich lese daraus vor. Menschen reden darüber. Und dabei macht es eigentlich am meisten Spaß, während der Lesung Wein zu trinken. Dadurch schlüpft man leichter in die Rollen, in die man schon während des Schreibens geschlüpft ist, in jede Figur, die man gelebt hat. Alle Figuren sind jetzt angeschwipst, reden laut und torkeln zwischen den leeren Stühlen und Menschen im Publikum.

Nach der Lesung brennt die Nacht vor Alkohol und ist voll von sprechenden Gesichtern. Die Worte des Mannes, der während der Lesung und auch jetzt im Auto neben mir sitzt, und der mir in den Monaten davor geholfen hat, das Buch zu schreiben – ohne die Geschichte zu verwässern – veranschaulichen treffend den Abschiedsabend vom Buch: „Die Fahrt aus Ranis nach Jena war wie eine Zeitreise mindestens 10 Jahr zurück – mit Grinderman und Rotwein durch die dunkle Thüringer Landschaft zu tuckern und dabei Mitfahrer zu haben, die bei EA80 nicht verständnislos mit den Schultern zucken. Das hat Seltenheitswert!“ Genau. Das ist wichtig im Moment. Und nicht das Schreiben, die Burg Ranis, die Falken, das tolle Essen und vor allem nicht die Militärpolizei, die mich zu diesem Buch inspiriert hat.

Der Falke und die Erlebnis-Gastronomie

Ich war beschäftigt mit dem Entstehen des Buchs. Zuhause in München. Im Zug durch Thüringen. Im Taxi.
Aus dem Wagen direkt in die Burg. Ich stand reglos im Dachzimmer. Vor vielen Jahren war ich einmal für kurze Zeit eingesperrt gewesen und seitdem finde ich mich gerne in ähnlichen Situationen wieder. In Verliesen und Verstecken.
Ich ging im engen Raum der Burgwohnung auf und ab und dachte, dass ich durchdrehen würde, wie Jack Torrance in „Shining“. Dann hörte ich unheimliche Geräusche auf dem Dachboden. Poltern. Schnell, absperren, den schweren Sessel an die Tür schieben. Und sich in den Schlaf trinken.
Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ein Falke aus seinem Versteck unter dem Dach nicht mehr den Weg in die Freiheit fand. Er ließ sich helfen, weil er erschöpft war…

Verkatert, folge ich ihm, traue mich hinaus. Es gibt doch Menschen hier in Ranis. Nicht nur Katzen, Falken und Pflastersteine. Eine Frau stellt einen Kuchen vor mich hin und sagt, dass wenn ein Pärchen – egal was für ein Pärchen – sich in ihr Café setzt, entweder heiraten oder ein Kind bekommen wird.
Ein paar Meter weiter gibt uns ein Mann Thüringer Klöße und „Schmiede-Feuer“. Ich darf das Licht in seiner Kneipe anmachen, mich dabei zurechtweisen lassen und das Kofferradio einschalten, während der Falke mit einem Flügelschlag leere Bierkrüge vom Tresen fegt. Danach nimmt uns der Mann zum Feuerwehrfest mit. Ich trinke Bier, höre den Geschichten über das Verlies in der Burg zu und starre das Feuer an. Der Falke schläft auf meiner Schulter.

Am nächsten Morgen gehe ich durch den Wald spazieren und stolpere über einen Wisent. Der Falke fliegt weg. Alles ist still. Ich habe den Weg nach oben gefunden.

Das Labyrinth und der Melonenhut

Es roch nach einem Zitruspflanze-Putzmittel. Von der Decke hing eine Glühbirne. Die Wände waren grau und sauber. Es waren Konturen und Buchstaben eingeritzt worden, es hatte Zeichnungen gegeben, aber sie waren ausgebleicht und fast unkenntlich gemacht worden. Die Tür war ebenso grau und blank gescheuert und umrahmt von achtundzwanzig Schrauben. Keine Schlitze in den Schraubenköpfen. Der Boden mit Wasser bedeckt. Durchsichtig, sauber. Meine Schuhe waren durchnässt. Ich zog sie aus und legte mich auf die Holzbank. Mein Rücken entspannte sich, endlich würde ich einschlafen. Die Glühbirne flackerte und ich bedeckte die Augen mit dem Arm. Seit zehn Stunden in Einzelhaft. Das Trinkwasser würden sie mir bald bringen, hatte der Soldat mit der Glatze gesagt. In die metallene Toilettenschüssel in der Ecke konnte ich mich entleeren. Sie war zerbeult und verrostet. Aber kein Geruch. Der Raum wirkte harmlos. Ich dachte an nichts.

Nach zwei Stunden kam der Soldat mit dem Melonenhut rein und sagte, dass die Einzelhaft beendet war und dass meine Frau draußen auf mich wartete. Er erlaubte mir, mich zu rasieren und gab mir, zu meiner eigenen schäbigen Kleidung, ein neues Sakko, eine Krawatte und einen Melonenhut. Ich zog mich schnell an und achtete darauf, dass so wenig Falten wie möglich zu sehen waren. Ich versuchte, eine tapfere Grimmasse aufzusetzen, damit meine Frau sich so wenig Sorgen wie möglich machte wegen den blauen Flecken in meinem Gesicht und wegen der entstellten Hand. Ich übte, zwinkerte dem Spiegelbild immer wieder zu. Die zwei Militärpolizisten begleiteten mich schweigend zum Ausgang, durch die langen, vermüllten Korridore. Wir schienen im Kreis zu gehen, immer und immer wieder durch die gleichen Gänge, die sich allmählich zu einem Labyrinth verflochten. Der Durchzug fegte über den Boden und warf uns Staub in die Augen. Ich machte mir Sorgen wegen meinem Anzug. An der Ausgangstür angekommen, sagte der glatzköpfige Militärpolizist, dass er es sich anders überlegt hatte. Diesen Prozess machte ich in den nächsten Stunden drei Mal durch, und jedes Mal glaubte ich bis zum letzten Moment, sie würden mich entlassen. Beim dritten Mal teilte mir der Militärpolizist mit dem Melonenhut, als ich das Sakko zurückgeben musste, dass meine Frau im Krankenhaus lag.